Was ist den bitte Eigeninitiative?

von 16 alex  

Schon auf dem Vorbereitungsseminar wurde uns immer wieder verinnerlicht, dass wir unbedingt Eigeninitiative zeigen müssten, auch in Momenten in denen das nicht so leicht fällt. Klar, dachte ich, ist doch kein Problem, natürlich wird es mal schwierig, aber aber selbständig bist du ja! Wie so oft klaffen Theorie und Praxis hier gewaltig auseinander, dazu später mehr.

Hochmotiviert startete ich in die erste Arbeitswoche auf der Finca in Fedeagua. Neben den Tieren gibt es hier auch einige interessante Pflanzen. Auf dem ganzen Gelände verteilt stehen in hoher Dichte Mango-, Limonenbäume, Bäume der Cas-Frucht und einige andere  lokale Füchte. Dann gibt es hier natürlich auch Bananen, etwas Yuca (Maniok) und zu meiner Überraschung auch Ingwer. William sagte uns, dass wir zunächst die „Trabajo basico“, also die Basisarbeit kennenlernen müssten, bevor wir die eigentlich wichtige und interessante Arbeit vollführen könnten. Das heißt in der Praxis, aufräumen und sauber machen!  

Zunächst kam der Geräteschuppen dran, dann die Hausrückwand. Und dann noch der andere Gebäudeteil in dem sich die Zimmer für Gäste befinden. In diesem gibt es ein berüchtigten Raum, in den alle Sachen hin eingeräumt werden, die sonst nirgendwo hingehören, aber natürlich auf keinen Fall weggeworfen werden können. Unsere Aufgabe war es dann, auch dieses Zimmer wieder in Ordnung zu bringen.

Ebenfalls zur Basisarbeit gehört das regelmäßige Zusammenrechen von sämtlichen Blättern im Hof. Neben diesen Aufgaben wurde auch das Waschen zu einer unserer Gewohnheitsbeschäftigungen. Ständiger Begleiter unser Arbeitsweise waren sich ständig ändernde Gegebenheiten und das ungute Gefühl, die Aufgabe falsch verstanden zu haben, wahlweise wegen der Sprache oder einfach weil man der Aufgabe keinerlei Sinn zuordnen konnte. Jedes Gespräch mit William machte diesen Eindruck nur schlimmer, denn er schaffte es immer irgendwie, gestellte Fragen so zu beantworten, dass man das Gefühl bekam, es sei einem gerade eine noch wichtigere Erkenntnis vorenthalten worden. Selbstverständlich ohne irgendeinen Anhaltspunkt, welche der vielen Informationen die Ursache für dieses Gefühl war. Auch wusste man nie, ob er mit der bereits erledigten Arbeit zufrieden war oder nicht, denn meistens verlor er kein Wort darüber, machte allerhöchstens einen seiner vielen Scherze, die man mangels Spanisch nicht verstand und deshalb zunächst ernst nahm. 

Ich glaube aber doch, dass unsere Arbeit zufriedenstellend war, denn es häufte sich die scherzhafte Frage, ob wir morgens Drogen nehmen würden, denn scheinbar ist es hier ganz unvorstellbar, das junge Leute ohne einen triftigen Grund motiviert schon um sechs Uhr mit der Arbeit anfangen. Seiner Meinung nach, ist Effizienz ein kapitalistische Denkmuster, und damit zu missachten. Somit gibt es keine festen Arbeitszeiten und wir können uns die Arbeitswoche weitgehend selbst einteilen.

„Mas o menos“- mehr oder weniger, wird in Fedeagua gearbeitet, vor allem aber viel gedacht, jedoch nicht zu mechanisch, sondern immer durch den Praxisbezug, wie William betont. Durch ihn lernt man die notwendige Verknüpfung von Theorie und Anwendung, die einem das Ausführen erheblich erleichtert. Immer wieder erklärt uns William mit sehr ernster Mine, das wir dies oder jenes anders hätten machen sollen. Dabei sagt er immer, dass wir uns bemühen müssten um dann „poco a poco“, also Stück für Stück, weiter zu kommen. Dabei hätte er uns es doch gleich richtig sagen können, denken wir oft.

Doch scheinbar will er, dass wir diese „Fehler“ machen, gibt absichtlich ungenaue Anweisungen. Nur können wir dann meist nichts mit den Anweisungen anfangen, denn zwar machen die Dinge die er erklärt Sinn, doch scheinen sie nicht zur Wirklichkeit in Fedeagua zu passen. Was bleibt ist das ungute Gefühl, welches William auf uns projiziert hatte, dass wir irgendetwas falsch gemacht hätten, wir konnten ja nur etwas falsch machen. Denn auf Nachfragen wie genau etwas zu verstehen sei, reagiert er fast ebenso allergisch, wie wenn wir etwas nicht verstehen. Wie gelähmt wussten wir jedes mal eine ganze Zeit lang nicht was wir machen sollten. 

Ein Beispiel dafür war das Agroforstprojekt, von dem uns William bereits zu Anfang erzählt hatte. Wir hatten es brav in unserem Wochenplan eingebaut, wohl wissentlich, dass wir dann noch etwas dazu machen würden. Als wir William dann unseren Wochenplan zeigten, bemängelte er, das beispielsweise das Zusammenrechen der Blätter ein Teil des Projekts sei und man das nicht so allgemein bezeichnen könnte. Desweiteren war das ja nur ein Teil des Projektes und für weitere Arbeiten müssten wir uns entweder selbst etwas ausdenken oder mit ihm gemeinsam, was er bevorzuge, etwas planen. Es passierte jedoch nichts. 

In der dritten Woche konnten wir dann zum ersten mal an einem Treffen mit einer Gemeinschaft die an der politischen Schule teilnimmt, mitwirken. Es war eine Gemeinschaft von Fischern im Golf von Nicoya und es ging um den Baustein Territorium. Zum ersten Mal konnten wir William von einer anderen Seite erleben. Auch weil sich uns nun der Kontrast gegenüber William und den anderen Teilnehmern aufzeigte. Mir wurde klar wie viel ich von jedem Menschen hier lernen kann, auch von William. 

Inhaltlich ging es um die Definition und den Bezug der Fischer zu ihrem Territorium und ihnen, wie auch mir, wurde bewusst gemacht, wie viel Einfluss auch die großräumige Umgebung auf Gemeinschaften wie diese hat.  Einige Tage später, als William uns zu einem Gespräch gebeten hatte, um erneut über unsere Arbeitshaltung bzw. -weise zu reden, wurde mir schlagartig klar, was uns entgangen war: EIGENINITIATIVE. Nämlich was Eigeninitiative eigentlich bedeutete.

Mir wurde bewusst, in welch starkem Kontrast dies zu dem steht, was Eigeninitiative in der Schule, insbesondere im Abitur, für einen Stellenwert besitzt. Es war und ist unsere eigene Verantwortung, uns um das Agroforstprojekt zu kümmern. Informationen zu lesen, William zu fragen, zu schauen was nötig ist, wie man die Verhältnisse in Fedeagua noch besser gestalten kann und unsere Ideen mit ihm abzusprechen. Eigeninitiative bedeutet eben genau ohne Anweisung oder Auftrag, Aufgaben zu erkennen, Ideen und Verbreiterungen zu entwickeln.  

Schließlich sind wir genau deswegen hier, denn Fremd zu sein ist eine wertvolle Chance, die Menschen mitbringen wenn sie an einen völlig neuen Ort kommen. Sie versuchen zu verstehen, hinterfragen, saugen alles Neue in sich auf, ergründen Ursache und Zweck, sie stellen das System auf Probe. Wir sind somit eine wichtige Ressource des Innovationsprozesses in Fedeagua, ermöglichen ein Voranschreiten in unserem Projekt.



BlogNo:03

1 Kommentar

Kommentar von: Luisa [Besucher]

Weisst du Alex, und genau diese Erkenntnis wird dir in Deutschland soviel helfen. Du wirst viel mehr auf die Beine stellen können als andere;) Bleib dran und danke für den Text. Er hilft auch mir weiter aufzustehen und Eigeninitiative zu zeigen.

17-03-05 @ 22:54


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