Wie die Zeit vergeht…

von 16 alex  

Seit knapp vier Monaten lebe ich jetzt bei Fedeagua, auf dem Gelände, das mir längst nicht mehr fremd erscheint. Ganz anders als noch am Anfang. Ich konnte kaum ein Wort Spanisch sprechen, als wir damals von unserem Chef empfangen und in die Arbeitsweise der Organisation eingeführt wurden. Er hatte uns noch am gleichen Abend vermittelt, was Fedeagua für eine Organisation ist! Fedeagua ist eine soziale Organisation, bei der es darauf ankommt, dass die Leute am Ende von ihr profitieren. Dem entsprechend werden alle Ressourcen darauf konzentriert, den Menschen eine Politik zu vermitteln, mit der sie selbst ihre Lebensumstände im Sinne einer gerechten und nachhaltigen Wirtschaftweise verbessern können.

So sollten wir uns Stück für Stück in die Arbeit hineinfinden. Zu Beginn mit der Basisarbeit, die in Fedeagua erledigt werden muss. Denn für die vielen Versammlungen, die hier stattfinden, muss entsprechend Raum und Atmosphäre geschaffen werden. Das bedeutet vor allem Ordnung und Sauberkeit, aber auch entsprechende Instandhaltung der Gebäude und Ausstattung.


Unser Gelände mit Grün, Wegen und Gebäuden

Fedeagua verfügt über drei Gebäudeteile: Eine Küche mit Büro und Schlafräumen für Mitarbeiter und Freiwillige, eine überdachte Terrasse für Versammlungen und ein Gebäude in dem Schlafzimmer und Sanitäranlagen für die Gäste untergebracht sind. Meine Aufgabe ist es unter anderem, diese regelmäßig sauber und in Ordnung zu halten und ab und an für die Versammlungen zu kochen.

Danach kam die Verwaltung der Grünflächen auf dem Gelände in mein Arbeitsportfolio dazu. Dabei gibt es verschiedene Zonen, die entsprechend ihrer Nähe zu den relativ dicht stehenden Gebäuden unterschiedlich intensiv genutzt werden. Sie bilden insgesamt eine Fläche von ca. 18.000 Quadratmetern. In der innersten Zone gibt es die vielfältigsten Aufgaben. Dazu gehören das Pflegen der Grünflächen- und Nutzpflanzenbeete, das Zusammenrechen der Blätter, die an den Stämmen für Humus sorgen und das Freihalten der Grünflächen mit einer Motorsense. In der zweiten Zone stehen schon sehr viel mehr Bäume, darunter auch Agroforste aus Fruchtbäumen, Bananen und einigen Manioksträuchern. Sie werden nur noch sporadisch gepflegt und weitestgehend sich selbst überlassen. In der dritten Zone befindet sich ein so gut wie geschlossener Wald, in dem normalerweise überhaupt kein Eingriff stattfindet.

Ein drittes Arbeitsfeld bietet die politische Schule. So konnte ich bisher zweimal an den Treffen in den Gemeinschaften teilnehmen, bei denen es um das Thema Territorium ging. Hier waren meine Möglichkeiten der Mitarbeit sprachlich bedingt jedoch sehr eingeschränkt, ich konnte aber zumindest organisatorisch ein wenig als Stütze dienen.

Etwas später kam noch ein vierter Bereich hinzu, so sind wir seit Anfang November mit dem „gelben“ Projekt (grün kann ja jeder!) beschäftigt, in dem wir gemeinsam mit William, unserem Verantwortlichen, eine neue Terrasse (oben rechts in der Zeichnung), sowie neue Wege dorthin geplant haben. Sie soll sich etwas weiter oben im schattigen Wald befinden. Die Wege (Orange) sollen später seitlich mit Agroforsten bepflanzt werden. Dazu kommen einige kleinere Sitzecken (kleine Vierecke in rot), Mülleimer und Beleuchtung (weiße Kreise) sowie ein kleines Mandala (gut in der Mitte erkennbar) aus Pflanzen das nach dem Prinzip der Permakultur aufgebaut sein soll.

Des weiteren ist auch ein kleines Fußballfeld geplant auf dem dann Turniere stattfinden könnten. Schon die ersten Schritte nahmen sehr viel Zeit in Anspruch, wie etwa das Abmessen und Freilegen des Hauptweges zur neuen Terrasse.  Dafür stellten wir ca. 45 Schubkarren Erde zum Pflanzen her. Sie besteht aus einem Teil organischen Materials, einem Teil schon in frisches Humus umgewandelte Erde und mineralischer Erde als Substrat-Grundlage. Mitte Dezember haben wir die ersten ca. 100 (200 ,da immer 2 in jede Tüte gepflanzt werde) Heckenpflanzen (Vier verschiedene Arten) in Plastikbeutel gepflanzt, die mit ihren Löchern an der Seite extra zum Pflanzen gefertigt sind. Sie brauchen zweimal am Tag, jeweils morgens und abends, Wasser. Und seit einigen Tagen haben die meisten der Stecklinge angefangen kleine Knospen zu treiben, einige sogar schon kleine Blätter. Bei der letzten Kontrolle stellte sich heraus, dass etwa 30 Pflanzen (von 200) nicht überlebt haben.

All diese physischen Arbeiten erledige ich üblicherweise vormittags zwischen sechs und zwölf Uhr. An den Nachmittagen beschäftige ich mich jeweils für zwei bis drei Stunden mit Theoretischem. Dazu zählen Tätigkeiten wie Spanisch lernen, Organisatorischem (Abrechnung, Arbeitstagebuch oder Kommunikation), Reflexion im Sinne von Blogbeiträgen (privat und öffentlich) und das Lernen von arbeitbezogenen Themen. Bei letzterem handelt es sich beispielsweise um Material der politischen Schule oder Informationen rund um Anbaumethoden wie Agroforste und ihre biologischen Grundlagen. Auch das planen für Arbeiten und dergleichen findet in diesem Zeitraum statt. Als Material dazu gibt es einige Bücher und Dokumente, natürlich auf spanisch, die wir studieren können.

Ich habe seit meiner Ankunft einiges über das Kultivieren von essbaren Pflanzen gelernt, mir ist klar geworden, wie wenig wir über die Herkunft ihrer wissen und wie wenige wir kennen. Durch die globalisierte Welt kennen die Menschen von Mexiko bis Thailand Mangos, aber mit lokalen Früchten kennt sich fast niemand aus. Dabei gibt es eine unglaubliche Fülle, deren Nutzen über die lokale Bevölkerung hinaus noch niemand erkannt hat.

Auch sehr erkenntnisreich war das Kennenlernen der Permakultur und das Verständnis darüber, wie natürliche Sukzession verläuft, bzw. dass Natur, wie sie im heutigen Maß besteht, nur einen Teil des natürlichen Energiekreislaufs ausschöpft. Das soll heißen, dass ein natürlicher primärer Regenwald eine Produktion von Biomasse besitzt, der nichts nachsteht. Erst in einem völlig unberührten Ökosystem kann die Natur ihr volles Potential entfalten. Diese Erkenntnis macht sich die Permakultur in Form der Anbaumethode des Agroforstes zu Nutze, dabei kommt es darauf an, dass die Pflanzen sich gegenseitig in einer waldartigen Struktur unterstützen und so ein höherer Ertrag erwirtschaftet werden kann, ohne das System auszubeuten. Eine nachhaltige Methode also, um auch zukünftige Generation bei geringem Flächenverbrauch zu ernähren, Hunger weltweit zu bekämpfen.

Die Bauern hier führen meist ein einfaches Leben, sie erwirtschaften durch den Verkauf ihrer Agrarprodukte ihren Lebensunterhalt und ernähren sich zugleich davon. Sie verbringen die meiste Zeit auf dem Feld. Doch sie haben zunehmend Probleme, denn auch hier machen sich die Supermärkte immer weiter breit, und weil es bequem ist, kaufen die Leute lieber dort ein, was zu Folge hat, dass sie Produktionswege unterstützen, die die Wertschöpfung außer Landes tragen, in Hände von großen Handelsunternehmen und die eigene Bevölkerung also weniger profitiert. Dazu werden die klimaverträglichen lokalen Erzeuger aus dem Markt gedrängt, sie haben wenig Chancen sich gegen die „Großen“ durchzusetzen. Da wir uns in Fedeagua selbst verpflegen, haben wir die Wahl, wo wir unser Essensgeld investieren wollen und gehen deshalb freitags auf den lokalen Markt, der kaum mehr als 15 Stände hat. Zu dem Verkäufer, der uns schon kennt und uns freundlich einen schönen Morgen wünscht, und fragt „Was wollt ihr den Heute?“

In der nächsten Zeit werde ich mehr mit der politischen Schule zu tun haben als bisher. So ist auch ein neues Projekt mit Jugendlichen geplant. Dabei sollen gezielt solche angesprochen werden, die unter Perspektivlosigkeit leiden und Gefahr laufen, sich durch Drogen davon abzulenken. Sie sollen eingebettet in ein Fußballturnier mit entsprechend bildendem Rahmenprogramm, in dem es um Wiederaufforstung, Alkoholismus und Brandstiftung der im Sommer trocken Wälder geht, gebildet werden. Denn eine nicht unerheblich Zahl der Buschfeuer wird wohl von den Leuten selbst gelegt. Daneben wird es in Fedeagua auch sehr viele politische Schulen geben, die in Fedeagua über mehrere Tage abgehalten werden. Dafür werden wir Schlafräume im anderen Gebäudeteil wieder in Schuss bringen, sowie die Außenwände des Küchengebäudes streichen. Insofern werden die nächsten Monate eine Herausforderung und es wird darum gehen, wieder größer zu denken, gerade weil ich mich schon so an die Arbeitsabläufe gewöhnt habe. Aus dem Alltag wieder ausbrechen und Neues wagen. Dann wird sich zeigen wie viel wir davon tatsächlich verwirklichen können, nicht zuletzt des Geldes wegen.

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