Zwischen Salsa und Sozialismus

von 16 sabrina  

“Genau deshalb genießen wir Kubaner jeden Tag und leben jeden Moment so intensiv, trinken, Rum und tanzen, weil Geld keine Rolle spielt”, erzählt mir Wilmer, ein Forstwirt, mit dem meine Organisation vor fünf Jahren in einem Projekt gearbeitet hat. Umgerechnet 25 Euro verdient man, wenn man für den Kubanischen Staat arbeitet, was trotz Lebensmittelkarte, kostenloser Bildung und medizinischer Versorgung kaum zum Leben reicht.


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Deshalb strahlt Wilmer über beide Ohren und bestellt sich ein Bier als ich ihm sage, dass er eingeladen ist. “Wie jung und hübsch du bist”, sagt er und ich muss schmunzeln, als ich mir vorstelle wie absurd es wäre, wenn ein deutscher Forstwirt im Staatsdienst auf diese Art und Weise ein geschäftliches Gespräch eröffnen würde. “Schau sie dir an die Kubaner wie geschmackvoll sie gekleidet sind und wie sie vor Lebensfreude strahlen”. Er zeigt mit dem Finger raus auf die geschäftigen, bunten Strassen Havanas. Bunte Oldtimer, in denen mittlerweile LKW- oder Busmotoren schnurren, tuckern an den ehemals prachtvollen Villen vorbei und erinnern an die florierenden  Zeiten der karibischen Hafenstadt. Er braucht mich gar nicht fragen, wie mir Kuba gefällt, denn er sieht es in meinen Augen. “Da hat sich wohl jemand in Kuba verliebt”, lacht er. Für eine Woche bin ich in eine Welt eingetaucht, die mich in jeglicher Hinsicht umgehauen hat. Nicht nur der Reichtum an Kultur hat mich beeindruckt, sondern vor allem die Art und Weise wie die Kubaner den Genuss feiern. Wie ein Verstärker dieses Eindruckes haben die vielen Gespräche auf mich gewirkt, die ich wo ich nur konnte mit den Einheimischen geführt habe.

Eines dieser Gespräche hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Umgeben von Salsamusik, Touris, heissbluetigen Tänzern und Zigarrenrauch unterhalte ich mich mit Isael, einem jungen Lehrer, über die Aeneis von Vergil, Philosophie, über das Gesundheitssystem in Deutschland und Romane von Paulo Coelho. Ich bin erstaunt wie viel er über die Welt weiß. „Wir Kubaner wissen alles in der Theorie, aber können das meiste in der Praxis einfach nicht erleben. Mein Traum ist es zu reisen.“ Als er mich mit erwartungsvollem Blick fragt, ob ich Bilder von Deutschland habe, fährt es mir in die Magengrube. Wieder einmal trifft mich die Ohrfeige des Privilegs. Ich muss an die damals verhasste Schullektüre „ Maria Stuart“ von Schiller erinnern, als ich zu dem Tisch mit deutschen Gruppenreisenden blicke, die sich verklemmt an ihrem Cocktail festhalten. Da war doch was mit innerer und äußerer Freiheit. Keiner von ihnen überwindet seine Beklemmungen und innerlichen Befangenheiten an diesem Abend, obwohl wir Deutschen rein objektiv so viele Freiheiten genießen wie kaum eine andere Bevölkerungsgruppe dieser Erde. Und dann sitzt da vor mir jemand, der wahrscheinlich niemals in seinem Leben die karbische Insel verlassen wird, aber tanzt als gäbe es kein Morgen.

Im Gegensatz zu den Tanzkünsten eher weniger zu verherrlichen, ist die Gewitztheit der Kubaner. Wer kein Spanisch spricht oder verhandelt, wird gnadenlos abgezockt. Sogar der Zeitungsverkäufer, der keinen Hehl aus seiner sozialistischen Einstellung macht, will von mir das Doppelte für ein Spezial verlangen, auf dem mich Fidel Castro mit einer selbstsicheren Miene anlacht. Nachdem ich mich aber auf ein kleines Schwätzchen einlasse und ihm berichte, dass ich ganz artig das Museum der Revolution besucht habe, drückt er mir alle drei Ausgaben für einen CUC (ca. 1 Euro) in die Hand. Dass diese staatlichen Druckmedien alle über das gleiche berichten überrascht mich nicht wirklich. Ob es denn überhaupt unabhängige Medien gibt, frage ich und ernte nur einen tadelnden Blick.

Bewaffnet mit systemverherrlichendem Lesestoff erkunde ich die breiten Gassen zwischen den alten Kolonialbauten. Grafitis und Kunstgallerien, die sich in den mit herrschaftlich gefließten, baufälligen Innenhöfen verstecken, brechen den nostalgisch anmutenden Jugendstil durch graphische Formen und postmoderne Werke querdenkender Künstler. Werbeplakate von Ballett- und Theateraufführungen oder von französisch-arabischen Filmnächten schmücken die architektonischen Leckerbissen hinter denen sich sperrlich eingerichete Wohnungen verbergen.

Ja, und doch ist sie da die Unzufriedenheit und der sehnliche Wunsch nach mehr Freiheit, der vor allem das junge Kuba umtreibt. Anstatt einem Studium nachzugehen, das finanziell keinerlei Anreize bietet, widmen sich viele Gleichaltrige dem Schwarzmarkt, auf dem sich ein hübsches Sümmchen ansparen lässt, das dann irgendwann hoffentlich reicht, um nach Kanada oder Europa zu gehen. Andere geben sich gar nicht erst die Mühe neben ihrer staatlich vergüteten Arbeit, Taxi zu fahren oder überteuerte Zigarren an Toursiten zu verkaufen. Sie lungern lieber in den überfüllten Clubs herum und warten darauf bis eine „Weiße“ anbeißt – das Ticket in die große weite Welt.

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