Wie natürlich ist das Paradies?

von 16 alex  


Paradies?

Costa Rica ist, was Natur angeht, ein Land der Superlative. Auf einer Fläche, etwas größer als Niedersachsen, kommen, je nach Quelle, etwa 7 bis 10% aller weltweit verbreiteten Arten vor, mehr als auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Das entspricht mehr als 500 000 Tier- und Pflanzenarten, darunter mehr als 360 000 Insektenarten, 20 000 Spinnenarten, 18 000 Schmetterlinge, davon ca. 1400 tagaktive, mehr als 12000 Pflanzenarten davon 1200 Orchideen und 800 Farne, 1500 Fischarten, 860 Vogelarten, davon etwa 50 Kolibris, 385 Amphibien, von denen 226 Reptilien sind, darunter 131 Schlangenarten und 238 Säugetiere, darunter alle 6 auf dem amerikanischen Kontinent vorkommenden Katzenarten, und etwa 120 Fledermausarten die, dadurch, dass sie hauptsächlich Früchte verzehren, für einen Großteil der Samenverbreitung verantwortlich, und daher für die Tropen unabkömmlich sind.

Grund für unglaubliche Artenvielfalt, die sogar im Lehrplan steht, ist die Lage auf der amerikanischen Landbrücke, wodurch südliche als auch nördliche Arten in Costa Rica verbreitet sind, der Zugang zu zwei Ozeanen, sowie Anteil an so gut wie allen tropischen Vegetationszonen, die sich über Höhe von Meereebene bis 3800 m darüber erstrecken. Darunter auch die des „trópico seco“, den trockenen Tropen in denen wir uns hier in Guanacaste befinden. Viel zu sehen von dieser „Trockenheit“ war damals nicht, denn es war Regenzeit und so konnte ich mir auch nichts darunter vorstellen, damals glich die Landschaft einer üppigen afrikanischen Savanne mit einigen Wäldern. Die Tropen assoziierte ich immer mit täglichen Gewittergüssen und einem immerfeuchten Regenwald. Und die gibt es auch v.a. in Äquatornähe, aber das ist ja nur ein Teil, denn es gibt natürlich auch die trockenen Bereiche in den Tropen. Sie erstrecken sich meist etwas nördlicher und südlicher des Äquators, zu den Wendekreisen hin.

Was trockene Tropen bedeutet bekomme ich jetzt jeden Tag zu spüren. Hier sind es täglich um die 35°C, meist sogar darüber und dazu keine einzige Wolke am Himmel. Für einen Strandurlaub mag dieses Wetter wohl traumhaft klingen aber wenn man bei diesen Temperaturen seine acht Stunden täglich physisch arbeitet, sieht die Sache etwas anders aus. Die einst üppigen grünen Wälder haben sich zuerst braun und dann bunt gefärbt. Den Blättern sind traumhafte schöne Blüten gewichen, wobei besonders der Cortéz-Baum heraus sticht, er verwandelte ganze Landschaften in ein kräftiges Gelb. Ein anderer Baum wiederum mit weiß rötlichen Blüten wirkt wie die japanische Kirschblüte. Das erstaunte mich ein wenig, denn alle hatten vor dem schrecklichen graubraun der Trockenzeit gewarnt, als wäre es wiedermal ein grausames Beispiel der menschlichen Zerstörung. Dabei sind die „Trockenwälder“ hier darauf angepasst die Trockenzeit unbeschadet zu überstehen, indem einige von ihnen, wie die Bäume bei uns im Herbst, ihre Blätter abwerfen. Was einem jedoch nicht gleich auffällt ist, dass das was man für Trockenwälder gehalten hatte in Wirklichkeit sehr junge Sukzessionsstadien sind, die vielleicht erst 15 Jahre alt waren und immer wieder durch Eingriffe und vor allem auch Buschfeuer niedrig gehalten wurden, die öfter auftreten, als das natürlich zu erklären wäre. Nur Stück für Stück können sie jedes Jahr in der Regenzeit etwas höher werden, zumal auch nicht alle der Wälder gut brennen. Und was diese angeht, gab es in den letzten Jahren eine starke Zunahme, von denen ein Großteil jährlich auf Guanacaste entfällt.

Der Unterschied zu intakten Trockenwäldern ist also immer noch immens, aber sie sind der Anfang davon, was dann vielleicht in 50 Jahren oder mehr auch im Sommer ein schattiger Wald ist, indem nach wie vor Tiere überleben können und die Bäche nicht alle komplett versiegen. Denn dann sind auch die Trockenwälder sehr artenreich, wie sie sich einst über die ganze Halbinsel erstreckt haben.

Was sich jedoch verändert haben wird ist die Dauer und vielleicht auch die Intensität der Trockenperiode. Immer wieder wird mir bestätigt, dass die Trockenzeit in den letzten Jahren erheblich länger ausgefallen sei als früher. Ansonsten ist das landschaftliche Bild von Guanacaste sehr von der dominierenden Viehzucht und einigen Teak-Plantagen geprägt und so wird es nicht umsonst als der „Wilde Westen“ bezeichnet.

Die Teak-Plantagen, so das Argument der Befürworter, würden verhindern, dass dadurch Regenwald für sie abgeholzt wird. Doch so ganz geht die Rechnung nicht auf, denn gerade in Guanacaste wo Wasserknappheit in der Trockenzeit ein echtes Problem darstellt, verbrauchen sie essentielle Mengen an Wasser und degradieren den Boden noch für Jahre. Darüber hinaus ist fraglich ob es tatsächlich zu einer Minimierung der Abholzungen führt, und ob man nicht sowieso den Gebrauch von Tropenhölzern reduzieren sollte.

Dann wären da noch die Strände die sich in Guanacaste, durch vielseitige Felsformationen charakterisiert, der Brandung des Pazifiks entgegen stellen. Anders als in vielen anderen Ländern auf der Welt sind die ersten hundert Meter des Strandes landeinwärts öffentlich, was zu einer doch nicht unerheblichen Minimierung, jedoch nicht zu einer Verhinderung der Bebauung in Strandnähe führt. Zum Glück gibt es immer noch sehr entlegene Strände, an denen die natürlichen Küstenökosysteme noch intakt sind. Erst durch den Besuch eines solchen Strandes wurde mir bewusst, wie sehr der Mensch fast alles in seiner Umgebung verändert und schon vor langer Zeit verändert hat. Und das, wenn man in dieser veränderten „Natur“ aufwächst, sie eines Tages für den Normalzustand hält. Alles was man sieht war so nie gewesen bis der Mensch hier her kam, selbst die Wälder, die hier Kuppen bedecken, sind zu größten Teilen nicht mehr als 20 Jahre alt.

Eine sehr kurze Zeit wenn man bedenkt, dass einige Baumarten wie z.B. die Eibe in Europa oder der Mautbaum in Nordamerika mehrere tausend Jahre alt werden können. Wenn wir im so genannten „Wirtschaftswald“ von erntereifen Bäumen sprechen, dann meinen wir eigentlich jugendliche, die den ganzen Rest ihres Lebens nicht mehr erleben werden und mit ihnen ein große Zahl abhängiger anderer Organismen wie zum Beispiel viele Pilzarten die auf Totholz angewiesen sind.

Auch die Trockenwälder in Guanacaste decken ein erstaunliches Artenspektrum ab, sofern sie als gesamtes Ökosystem intakt sind. Wie wichtig es doch ist, Natur sich selbst zu überlassen, dachte ich, als ich den Einsiedlerkrebsen zuschaute, von denen ich noch nie so viele auf einmal gesehen hatte. 

Dabei hat Costa Rica in dieser Hinsicht in den letzten 30 Jahren sehr viel getan. Nach einer langen Periode der Abholzung, v. a. in den 70- und 80er Jahren, wurden durch Aufforstungen und Schutzgebiete wieder etwas mehr als 50 % der Staatsfläche bewaldet. Wobei natürlich auch die Teak-Plantagen mitgezählt werden. Das ganze gelang durch ein staatliches Programm welche Umweltleistungen, wie etwa das Stehenlassen von Wäldern belohnt hat. Gleichzeitig wurde ein Netz an Schutzgebieten eingerichtet, sodass heute etwas mehr als ein Viertel der Landesfläche unter Schutz steht. Viele der Menschen sind auf diesen Wandel ihres Land stolz, Industrialisierung und Aufstieg aus der kleinbäuerlichen Armut, trotz Erhalt der Natur.

Umso schleichender sind die negativen Entwicklungen, die Costa Rica noch überwinden muss, wenn es das Luis Arias verkündete ambitionierte Ziel, bis 2021 zum 100. Geburtstag, als erstes Land der Welt CO² neutral zu sein, erreichen will. Dem gegenüber steht nämlich vor allem der immer weiter wachsende Autoverkehr, der gerade im Großraum von San José für erheblich Probleme sorgt. Das Schienennetz was dabei für eine nachhaltige Entlastung sorgen könnte wurde in den 90 er Jahren still gelegt, lediglich einige Schienenbusse verkehren noch zwischen Cartago und Heredia bzw. Alajuela über San José.

In einigen ländlichen Gebieten gibt es immer noch keine Müllabfuhr, die Leute verbrennen den Müll stattdessen oder vergraben ihn auf ihrem Grundstück, wie sie es immer getan haben. Und bei der Mülltrennung gibt es zwar oft die entsprechenden Trennung bei den Mülleimern, aber später wird dann doch alles als Restmüll verbrannt. Die Toilette wird in eine Grube auf dem Gelände abgeführt und die sonstigen Abwasser versickern hinterm Haus einfach in den Boden. Da sind die biologisch abbaubaren Waschmittel, die wir seit November benutzen, gut investiertes Geld. 

Und dass Costa Rica als das Land gilt, dass weltweit am meisten für seine Natur getan hat, heißt vor allem, dass die anderen noch mehr nachzuholen haben. Die Geschichte Costa Ricas zeigt uns, dass es nicht zu spät ist, Natur, Klima und Menschen für das Überleben zukünftiger Generationen unter einen Hut zu bringen. Das wird zwar nicht ohne einen Paradigmenwechsel, in eine Postwachstumsgesellschaft, funktionieren, aber genau deswegen werden wir jede noch so kleine Bemühungen brauchen. Es wird sich so lange für uns lohnen, wie wir diesem Zeil eine reelle Chance in unserem Vorstellungsvermögen einräumen. 

Um es mit den Worten von Dieter Broers zu sagen: „Gedanken erschaffen Realität“!

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