Wenn einfach nur leben ein Überlebenskampf ist

von 16 sabrina  

Reflexionen und Gedanken - In keiner anderen Region der Erde müssen so viele Umwelt- und Menschenrechts-AktivistInnen ihr Leben geben wie in Zentralamerika. Für vier Tage war ich in Repräsentation meiner Organisation bei einem Kongress, dessen Ziel die Ausarbeitung der Strategie einer geschlossenen Allianz gegen die wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen und damit einhergehender Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen in Mesoamerika sein sollte.

Der Schulterschluss von Protestbewegungen, AktivistInnen und NGOs sollte Menschenrechts- und Umweltfragen miteinander vereinen, um mit größerer Schlagkraft auf unterschiedlichen politischen Ebenen Einfluss zu nehmen. Da die Mehrheit der Anwesenden unter ständiger Bedrohung steht, darf ich unter keinen Umständen Namen oder den genauen Ort der Konferenz veröffentlichen. Nur ein Detail kann ich preisgeben – ich hatte die Ehre unter anderem mit der Tochter des nicaraguanischen Präsidenten, Daniel Ortegas, über den geplanten Nicaragua-Kanal zu diskutieren.

Wie sie da so erwartungsvoll sitzen. Allesamt Schönheiten, geformt aus unendlicher Stärke und kompromisslosem Willen. Die tiefen Schatten unter ihren braunen Augen tragen sie stolz über den hohen Wangenknochen, die mit vollen Lippen und dunkler Haut eine bestechende Trogonometrie bilden. Sie sind Menschenrechtsaktivistinnen. Die Amazonen der Neuzeit. Ich blicke in das Gesicht jeder einzelnen Frau und verneige mich innerlich. Beinahe schäme ich mich. Eine deutsch-türkische Grünschnäbelin unter Frauen, die ihre indigenen Stämme und das Recht ihrer Familien auf Leben jeden Tag unter Bedrohung ihres eigenen verteidigen. Die das Wasser ihrer Quellen schützen, während sie sich vor die Bulldozer werfen, die die Wälder zerstören, von denen schon ihre Urahnen lebten und gleichzeitig der ausholenden Hand ihrer betrunkenen Ehemänner ihre Wange hinhalten, damit sie nicht ihre Kinder trifft. Klingt arg nach Klischee? Es ist die bittere Realität unzähliger Frauen in Honduras, El Salvador, Guatemala und Nicaragua. Palmölplantagen, Staudammprojekte und Erzminen nehmen den letzten indigenen Gemeinschaften die Grundlage des Lebens, dabei sollten sie wie Königinnen der Biodiversität behandelt werden, denn sie, die Frauen dieser Stämme sind es, die mehr als 70 Prozent der tropischen Regenwälder in Mesoamerika vor der Abholzung bewahren (Jahresbericht der Vereinten Nationen, 2014).

Eine auf internationales Recht spezialisierte Anwältin, erklärt uns wie man die World Bank und andere Big Player um Unterstützung in prekären Situationen wie Enteignung und Menschenrechtsverletzung als Folge der Umsetzung von Großprojekten zur Hilfe ziehen kann. Moment mal! Die Investoren und Finanzgeber bieten Hilfe für sogenannte „Entwicklungsprojekte“ an, unterdessen sie gleichzeitig Verursacher des Elends sind? Ganz genau so läuft das. Man muss ja das Image irgendwie wahren und sich die mit Gold, Erdöl, Kohle und Palmöl beschmutzten Hände reinigen.

Noch als meine Synapsen unter Hochtouren versuchen diese neuen Informationen zu verarbeiten und einzuordnen, sind die anderen aus meiner Gruppe schon beim Brainstorming. Wir erörtern, welche die größten Bedrohungen für die Umwelt und das Leben in den Communities darstellt: industrielle Landwirtschaft (Zuckerrohr, Palmöl, Soya), Minen, Hotels, Staudammprojekte, Drogenhandel, Korruption. Zu letzterem Punkt – die Schwester des einzigen teilnehmenden Mannes und angesehene Anwältin wurde monatelang bedroht, gestalked und denunziert, nachdem sie in einem Prozess ein Mädchen verteidigte, das von einem einflussreichen, wohlhabenden Politiker und Großgrundbesitzer vergewaltigt wurde. Um ein Haar wäre die Rechtssprechung in diesem Falle unter der Last schmutzigen Geldes des Schuldigen zusammengebrochen. Auch auf die Behörden und die Polizei ist oft kein Verlass und deshalb bleibt den Familien nichts anderes übrig als sich gegenseitig zu schützen.

Eine bittere Gewissheit steigt in mir auf, die ohnehin schon lange keine Überraschung mehr in meinem Erkenntnisstand ist: Was hat eigentlich unser Leben in Deutschland mit dem Ganzen zu tun? Ich nehme bereits wahr wie in Diskussionen mit Bekannten, Familie und Freunden folgendes auf mein Trommelfell trifft: „Das ist ja alles voll traurig, aber was können wir da dafür?“ So unendlich viel können wir dafür. Manches indirekt, vieles direkt. Dass Zentral- und Südamerika sozusagen zu einer Mega-Fabrik für die nördliche Hemisphäre fungiert, die unablässig Produkte ausspuckt, um uns den nächsten Lustschrei des Konsumes zu entlocken, hat sehr wohl was mit uns zu tun. Warum kaufen wir Produkte, in denen Palmöl ist? „Wir werden getäuscht“, mag es heißen. Aber Leute, ist es wirklich so schwer, die verlockend-glänzende Verpackung zu drehen und einen kurzen Blick auf die Zutaten zu werfen? Der Verzicht auf beispielsweise Palmöl mit undokumentierter Herkunft löst nicht alle der unzähligen Schwierigkeiten in Zentralamerika, aber es ist verdammt nochmal ein Anfang in die richtige Richtung.

Und weil einige wohlwollende Regierungen, private Geldgeber, AktivistInnen und NGOs wissen, dass man sich nicht einzig und alleine darauf verlassen kann, bis die langsamen Prozesse in Richtung Postwachstumsgesellschaft im Norden greifen, sitzen wir gemeinsam hier und erarbeiten eine Strategie, die den Großkonzernen und gekauften Politikern zeigt, wo es lang geht.

„Get up, stand up, stand up for your rights“, klingt Bob Marley zwischen dem Versuch, den anderen meine Ideen stichhaltig und in spanischer Sprache darzulegen. Meiner anfänglichen Scham weicht Hoffnung. Unzählige unserer Privilegien und Rechte verdanken wir ursprünglich kleinen Protestbewegungen, die immer lauter wurden, und so endlich bei Politikern Gehör fanden, die Gesetze formulierten, welche es uns heute möglich machen, wählen zu gehen.

Eine Frau aus El Salvador präsentiert das Ergebnis ihrer Gruppe und beginnt zu erzählen wie es ihr gemeinsam mit anderen ausdauernden KämpferInnen gelungen ist nach 12 (!) langen und harten Jahren, ein Bergbau-Verbot (mit dem übrigens in den meisten Fällen auch Kinderarbeit verbunden war) zu erwirken.

Es ist jedenfalls für nichts zu spät, und es wird sich immer lohnen zu kämpfen, sag ich mir wiederholt nach einer langen Weile der inneren Sprachlosigkeit, ausgelöst durch die Rede einer Teilnehmerin. Wie eine Göttin erhebt sie sich stolz und spricht in energiegeladener, entschlossener Stimme: „Ob es unsere gewalttätigen Ehemänner sind, der geschmierte Bürgermeister oder der Manager einer Mine – wir dürfen uns niemals sagen lassen, dass wir machtlos wären. Denn das sind wir nicht. Wir wässern unsere Erde, damit die Saat unseres Brotes von morgen aufgeht, wir gebären unserer Kinder, wir geben Leben. Was gibt es Machtvolleres als das?“

Und sie hat so recht. Es trifft genau den Sinn eines Zitates, das wenige Stunden zuvor in einem Vortrag präsentiert wurde: „Geliebte Freundinnen und Freunde, bitte gebt auf Euch acht, wenn ihr die Umwelt schützt. Das Wohlergehen unseres Planeten hängt auch davon ab wie Du mit deinem Körper, deinen Emotionen, deinen Wahrnehmungen und deinem Bewusstsein umgehst. In gleicher Weise ist das Wohlergehen deines Körpers und deines Geistes von dem Zustand der Erde beeinflusst. Wenn Du nicht deinen Körper vor Verschmutzung und Gewalt in dir selbst reinigen kannst, wie kannst du es in dieser Form außerhalb deiner selbst für unsere Umwelt tun?“ (Thich Nhat Hanh, vietnamesischer Mönch). Sowohl dieses Zitat, als auch das, was meine hondurianische Schwester im Plenum gesagt hat, birgt die Botschaft in sich, dass alles im Kleinen beginnt und dass man dort im Kleinen, jede Menge bewegen kann. Think Global, act local eben.:)

Wenn man also von Lobby auf internationaler Ebene spricht, darf man nicht vergessen, welche Bedeutung das Wohlergehen der AktivistInnen hat. Nur aus einem unversehrten Samenkorn kann schließlich ein starker Baum erwachsen. Mir erklärt J., die Angehörige eines Maya Stammes, dass ihr Volk der Ur-Überzeugung ist, dass sich ein Trauma, das sich bereits durch viele Generationen zieht, in alle künftigen Generationen fortsetzen wird, wenn man es nicht bricht. „Und dazu“, sagt sie ernst, „gehört auch der Machismus. Wir erziehen unsere Söhne und haben Einfluss darauf mit welchem Respekt sie irgendwann Frauen begegnen werden.“ Der Prozess und die Möglichkeit der Einflussnahme auf die Zukunft beginnt nämlich zu großen Teilen in der Erziehung und Bildung der Folgegeneration.

Auch ich glaube daran, dass wir das Domino in die höhere politische Liga im Kleinen anstoßen müssen. Bottom-up sozusagen. Genau das werde ich in meinen Bericht über den Kongress schreiben, den ich dem Vorstand unserer NGO, versehen mit meiner Empfehlung, präsentieren werde. Ich glaube daran, dass wir als Organisation das Werkzeug „Analog Forestry“ an Frauen weitergeben können, damit sie lernen, wie sie ihr Land oder das Land, das sie in Zusammenschluss mit anderen Familien teilen, ökonomisch nutzbar machen und durch diese nachhaltige, ökologische Agroforstmethode gleichzeitig nicht nur ihre Wasserquellen, sondern ihre Lebensqualität schützen können. Dieses Wissen macht unabhängig. Das sehen wir in all unseren anderen Projekten. Wissen stärkt, Wissen ist Macht.

Diese wertvolle Erfahrung so kurz vor meiner Abreise nach Deutschland hat mich auf vielen Ebenen geprägt, beeinflusst und zum Nachdenken gebracht. Auf dem Kongress habe ich fleißig Kontakte geknüpft, bereichernden Gesprächen geführt, unsere Methodologie vorgestellt und eine künftige Zusammenarbeit angeboten. Ich hoffe, dass ich durch meine Arbeit ein Samenkorn säen konnte, das auch noch nach meiner Ankunft in Deutschland aufgehen und zu einem vor Energie vibrierenden Baum gedeihen wird.

BlogNo:14

1 Kommentar

Kommentar von: Anna [Besucher]  

Hallo,
Ich bin eine Pro-Regenwald Freiwillige, die jetzt am 6.9 nach Costa Rica fliegt Gerade wollte ich vor dem Schlafengehen noch einen Blog lesen um mich an die Situation heran zu fühlen und zu informieren. Ich bin sehr froh auf deinen Artikel gestoßen zu sein! Mal abgesehen davon, dass du wirklich hervorragend (lebendig und mitreißend) schreibst, fand ich den Beitrag inhaltlich sehr interessant. Ich würde gerne mehr über diesen Kongress erfahren, falls du Zeit hättest mir Informationen zuzuschicken würde ich mich sehr freuen ! (vermutlich haat du aber gerade viel zu organisieren und dass kann auch warten bist du mehr Zeit hast) Abgesehn davon möchte ich dir ein Kompliment dafür aussprechen wie du den Leser in den Artikel einbeziehst und zum umdenken und mithandeln aufforderst! Und so wie du diese starke Frauen umschreibst sehe ich sie schon vor mir. Also vielen dank für den tollen Blog :) Pro Regnwald hat uns übrigens geschrieben dass wir ungefähr dann am Flughafen in CR ankommen, wenn ihr dirt seid um abzureisen, vielleicht sieht man sich ja dort. Ich wünsche dir noch einige erinnerungsreiche Tage in Costa Rica und ich hoffe dass man von dir auch nach diesem Jahr noch irgendwo artikel lesen kann.

17-09-01 @ 01:48


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