Wahlspektakel im Territorium

von 17 jana  

Sonntagmorgens um sechs in Conteburica. Eigentlich ist es ein Sonntag wie jeder andere auch. Wir schlafen lange und es steht nur wenig Arbeit auf dem Programm, schließlich ist der Sonntag der Tag Gottes. An diesem 04. Februar ist es allerdings nicht Gott, der die Leute beschäftigt, sondern die Kandidaten für den Posten des neuen Präsidenten von Costa Rica. Der Tag der Wahlen ist gekommen und es liegt eine gewisse Aufregung in der Luft.

Nach dem Frühstück mache ich mich mit meiner Gastmutter Dona Luisa auf ins nächstgelegene Dorf. Hier im Indigenengebiet dauert das meistens etwas länger, da das Hauptverkehrsmittel immer noch die eigenen Füße sind. Eine Stunde Marsch durch den Wald in unserer besten Sonntagskleidung und exakt 35 Flussdurchquerungen später kommen wir in Santa Rosa an. Dort müssen wir auch gar nicht lange auf unsere nächste Transportmöglichkeit warten, denn anlässlich der Wahl fahren regelmäßig zwei Autos ins höher gelegene Las Vegas, wo die meisten Leute ihre Stimme abgeben müssen. Die sind offenbar von jeweils einer Partei gesponsert, denn die Transporter kommen reichlich bestückt mit Flaggen und gratis Shirts in Parteifarben daher und wenn man dem Fahrer nicht verrät, dass man gar nicht für seine Partei stimmen möchte, wird man kostenlos mitgenommen.

Unterwegs wurde unser Transporter allerdings aufgehalten. Im Dorf ist ein Pferd gestorben und da heute so viele Autos unterwegs sind, will man die Chance nutzen und den Kadaver abtransportieren. Nachdem wir das Tier, mit Seilen am Auto befestigt, in die nächste Palmölplantge gezogen haben, kann es weiter gehen. Ich bin noch etwas perplex, während meine Mitfahrer schon wieder fröhlich die Wahl diskutieren. Das Dorfleben im Indigenengebiet eben.

Drei Stunden nachdem wir von Zuhause losgewandert sind, stehen wir schließlich vor der Grundschule in Las Vegas, in der das Wahllokal eingerichtet wurde. Ein großer Aufwand, "nur" um seine Stimme abzugeben. Für die meisten hier ist es das aber wert, schließlich durften sie bis vor einigen Jahren überhaupt nicht wählen. Erst durch ausdauernde Proteste wurden die Ngöbe im Jahre 1994 als Bürger Costa Ricas anerkannt und mit Personalausweisen ausgestattet.

Jedenfalls ist jetzt der Großteil des Territoriums auf den Beinen und mir fällt auf, dass sich die Menge scheinbar in zwei Lager teilt, die den Namen ihres Favoriten jeweils mit ihren T-Shirts verkünden. Von den beiden Parteien stehen Pavillone vor der Schule, unter denen Getränke und Flyer verteilt werden. Ich muss kurz stutzen, da es eigentlich mindestens vier Kandidaten gibt, die in den Umfragen ungefähr gleichauf liegen und sich Hoffnungen machen dürfen. Aber offenbar haben die übrigen Parteien gar nicht erst in den Wahlkampf in solch zahlenmäßig unwichtigen Regionen investiert.

Bereits im Vorfeld fiel auf, dass die Dörfer im Territorium im Vergleich zum Rest des Landes recht unberührt vom Wahlkampf blieben. Gut, auf die größtenteils inhaltslosen Wahlplakate kann man, denke ich, verzichten. Allerdings kamen auch nur sehr wenige Informationen über die Kandidaten, ihre Parteien und Programme durch. Meine Gastmutter beispielsweise hat nur über ihr kleines, rauschendes Radio Zugang zu Nachrichten und war am Vorabend der Wahl immer noch recht ratlos, für wen sie stimmen soll. Es werde wohl ("Wie heist er noch?") Castro, weil er sagt, dass er die Korruption bekämpfen möchte. Außerdem hat sie ihn letztens im Fernsehen gesehen, als wir bei ihrem Sohn zu Besuch waren, der außerhalb des Territoriums wohnt. "Wenn ich sonst keine Informationen hab, nehme ich halt den, der am besten aussieht." Ihr Enkel und ich versuchen aufgrund dieser Aussage, ein paar Informationen über die übrigen Kandidaten in die Unterhaltung zu streuen, da Juan Diego Castro Rechtspopulist ist und oftmals als Donald Trump Costa Ricas bezeichnet wird. "Mir wurde gesagt, er hätte nicht viel für die Indigenen übrig", wende ich vorsichtig ein. "Ach, das haben sie alle nicht", winkt Luisa ab. Auch wieder wahr.

Leider bin ich zu keiner sehr guten Argumentation fähig, alles was ich über die Wahlen weiß, habe ich ebenfalls über das rauschende Radio oder durch Nachrichten von anderen Freiwilligen erfahren. Wenigstens können wir sie davon überzeugen, dass es bei ihrer Entscheidung nicht darum geht, wie der Kandidat aussieht.

Die Wahl an sich läuft dann so ab, wie in Deutschland auch. Man gibt seinen Personalausweis bei den netten Wahlhelfern ab und wirft seinen Stimmzettel mit dem Kreuzchen in eine Wahlurne. Nach zwei Minuten ist die Sache erledigt und wir begeben uns in die Cafeteria der Schule, in der die weitgereisten Wähler sich stärken können. "Das ist Politik, da gibt es immer kostenloses Essen", verrät mir Dona Luisa. Über die Entscheidung, die sie letztendlich getroffen hat, hüllt sie sich allerdings in Schweigen.

Spät am Abend sitzen wir schließlich gemeinsam vor dem Radio und warten gespannt auf die Ergebnisse. Die Berichterstattung zieht sich bis spät in die Nacht, bis schließlich klar ist, dass es noch keinen neuen Präsidenten gibt. Keiner der Kandidaten konnte die Mehrheit für sich gewinnen und so wird sich das ganze Spektakel am 01. April wiederholen, wenn die Stichwahl zwischen Carlos Alvarado von der liberalen PAC und dem homophoben, evangelikalen Fabricio Alvarado statt findet.

BlogNo:07

Noch kein Feedback


Formular wird geladen...