Mein Gartenprojekt

von 17 michael  


Es ist angerichtet

"Mañana vamos a cultivarlo!", erhebt der Chef eines Tages seine Stimme. Mit richtungsweisender Hand und entschlossenem Gestik offenbart er Radka und mir seine Pläne die Fläche im Schatten der Gemeinschaftsküche in einen Nutzgarten umzuwandeln. Dieses Projekt stellt für mich bisher einen Großteil meiner bisherigen Arbeit in Fedeagua da und wird wahrscheinlich auch in Zukunft meinen Alltag prägen.

Doch zunächst wird erst mal die Machete geschwungen und mit einer Gartensense das aus dem Weg geräumt, was hier vorher stand. Eine alte Konstruktion einer Baumschule, kniehohes Unkraut, halbe und ganze Bäume und ein Ameisenhaufen. Ein Tag an dem alle Beteiligten gründlich ins Schwitzen gekommen sind und abends sogar noch früher ins Bett krochen als sonst.

Am zweiten Tag stehen dann die Motoren aber erst mal wieder still. Der Chef ist seit gestern Abend nicht mehr am Tatort und der gutmütige Schwinger der Grünzeugkillersense ist mit anderen Teilen des Geländes beschäftigt. So widmet man sich vorerst anderen Aufgaben, zum Beispiel der Konstruktion eines Kompostes, der in Zukunft die Speisereste der Wohngemeinschaft vor dem Restmüll bewahren soll. Doch auch am nächsten Tag fehlen Instruktionen und so wandert das Vorhaben Kultivation langsam in Richtung des großen Haufen an Projekten, der mit "ja, mal sehen wann wir wieder Lust haben" beschriftet sind.

Die erste Woche vergeht, dann noch eine aber irgendwann taucht das Gartenprojekt wieder ins Bewusstsein und jetzt soll es auf einmal schnell gehen. Es soll ein Schulgarten angelegt werden, auf dem nachhaltige Landwirtschaft in Kleinstebene unterrichtet werden soll. "Cama biointensiva" nennt sich die Gartenform, die hier an Schulungsgäste vorgestellt werden soll, zu deutsch: "biointensive Landwirtschaft". Eine kleine Instruktion soll ausreichend sein um mich in mein erstes und vielversprechendes Großprojekt einzuweihen.

Eigentlich ist das Vorgehen ja auch recht simpel ;) : Man misst ein Ein-Meter breites Beet ab, entnimmt einen Streifen Erde, wühlt die Erde darunter auf, wühlt einen neuen Streifen Erde auf und schiebt diesen Streifen dahin wo man zuvor die Erde entnommen hat. Das wiederholt man sooft bis das ganze Beet umgewühlt und aufgelockert ist und füllt den zuvor entnommenen Teil Erde in den Schlussstreifen. Ganz einfach oder :)

Dazu werden Blätter und Ästchen in die Erde gemischt um gleichzeitig einen Komposteffekt im Beet zu erzeugen. Nachdem dann zwei Tage der Spaten geschwungen wurde, wird aber erstmal über die richtige Tiefe des Beetes debatiert und fast hätte alles nochmal ausgehoben werden sollen. Am nächsten Tag ist das Beet dann schon auf eine Länge von vier Metern gewachsen und aus einer alten Tüte Kichererbsen wird das erste Saatgut gewonnen. Gurken, Kürbis und Senf folgen etwas später, Simon hatte Saatgut aus der Hauptstadt mitgebracht. "Ok Jungs: Jetzt fehlt nur noch ein Freiwilliger, der das System bei einer kommenden Schulung vorstellen wird", meint der Chef und schaut mich durchleuchtend über seinen Brillenrand hinweg an.

Mir schauderte es anfangs noch sehr bei dem Gedanken vor einer größeren Gruppe Muttersprachler eventuell gärtnerisch erfahreneren Menschen in meinem immer noch schwammigen Sprachstil referieren zu sollen. Doch die Aufgabe stachelt mein unterdrücktes Sendungsbewusstsein der letzten Monate an und auch weil ich die Aufgabe wahrscheinlich sowieso nicht hätte ablehnen können, nehme ich die Herausforderung an und beginne mit einer tieferen Recherche zur biointensiven Landwirtschaft.

In Deutschland hatte ich mich hin und wieder mit diversen Themen der alternativen Landwirtschaft und der Permakultur auseinander gesetzt und so freute ich mich zu sehen, dass in Permakultur-Szene das Thema "Biointensität" sehr bekannt ist und hoch gehandelt wird. Auf deutsch heißt Biointensität nicht viel mehr als: so viele Pflanzen auf so wenig Raum wie möglich, doch gerade das macht es für Selbstversorgerfaszinateure interessant. Nicht immer hat man genügend Fläche z.B. zum Anbau von Kartoffel oder Karotten zur Verfügung, sondern eben vielleicht nur einen Balkon oder ein paar Blumenkästen. Durch gute Pflege und etwas Hintergrundwissen lassen sich so aber trotzdem lohnende Resultate erzielen.

Auf die Spitze getrieben heißt es sogar, dass eine gut bewirtschaftete Beetfläche von 40m² ausreichen kann, um eine vierköpfige Familie durch das ganze Jahr zu versorgen. Zumindest erfahre ich das in meinen Recherchen in einer etwas amateurhaft wirkenden Präsentation. Sollte sich das bewahrheiten würde das mein Bild vom Selbstversorgertum komplett über den Haufen werfen! Denn 40m², das sind ja nur 5 Beete von 1x8 Metern!

Ich setzte mir die Fertigung einer kleinen Vorzeige-Präsentation als Ziel und wundere mich zu sehen, dass das Thema besonders in der Spanischen Sprache deutlich verbreiteter ist, als auf Englisch oder Deutsch. „Bionintensive Landwirtschaft“ und „Biointensität“ wird wird sogar von meinem Textprogramm als unbekanntes Wort unterstrichen. :)

Aber ein paar Tagen der Recherche, Gartenpflege und einiger anderen Aufgaben vergehen und wiedermal droht das Gartenprojekt in die dunkle unergründlichen Tiefen des chefischen Hinterkopfes zu rutschen, wo wohl noch so einige Projekte auf ihre Weiterverfolgung warten. Was fehlt ist ein Datum für eine Schulung, wer eingeladen wird oder zumindest eine konkrete Zielgruppe. Außerdem hätte ich gerne eine grobe Peilung für die Länge des Programms, denn mittlerweile könnte ich eine Menge über die Kleinstbeete erzählen, sogar auf Spanisch, hoffe ich.

In einem kleinen Gespräch zur Schulung mit dem Chef kommt die Idee auf zur Einprägsamkeit der Theorie die Schulungsteilnehmer selbst ein paar weitere Beete auf dem Fedeaguagelände anzulegen zu lassen. Darauf freue ich mich sehr, denn mittlerweile weiß ich wie viel Arbeit das Anlegen der Beete machen kann wenn der Boden von Wurzel und Steinen durchsetzt ist...

Doch erst mal geschieht wiedermal nicht so viel und erst ein paar Wochen später werden weitere Infos bekannt. Ich soll ein Bewässerungssystem für die Gärten konstruieren. Am besten aus von oben hängenden Flaschen oder Eimern, die durch eine kleine Öffnung regelmäßig einzelne Wassertropfen abgeben (das erklärt die verschiedenen Plastikbehälter auf den Bildern). Später kommt die Idee mit kleinen Schläuchen die Flaschen mit den Pflanzen zu verbinden. So könne man die Pflanzen noch individueller versorgen. Ganz funktioniert haben die verschiedenen Konstruktionen zwar leider noch nie richtig, aber dass sie theoretisch funktionieren, reichte mir erst mal als Anschauungsmaterial.

Außerdem werden Details zu Schulung bekannt: Mitte Januar, also in zwei Monaten, soll sowieso eine großangelegte Schulung für Feldarbeiter und Kleinlandbesitzer in Fedeagua durchgeführt werden, hier könnte ich meinen Vortrag über die biointensive Landwirtschaft eingliedern.

Außerdem könne ich doch noch überlegen, auch noch das Agroforstsystem "SAFS" vorzustellen. "Sistema AgroForestal Sucesional" heißt das ausgeschrieben und wird von einem Fedeagua-Mitglied erfolgreich betrieben, sagt man mir zumindest. Den soll ich auch in nächster Zeit mal besuchen, er würde mir seinen Nutzwald vorstellen und ich könnte bei seinen Alltagsarbeiten mitmachen.

Zwar bräuchte man ein Auto um zu besagter Finka zu gelangen, aber das wird sich schon noch ergeben, nächste Woche schon am besten gleich für drei Tage.

Nun gut in der nächsten Woche passierte erst mal nichts in diese Richtung und auch in der Woche darauf nicht. Erst als wir nach zwei Wochen nach anderen Aufgaben fragten, wurde kurzerhand die Idee des gemeinsamen Gartenanlegens in der Schulung verworfen und das Anfertigen der "Camas" zu unserer Aufgabe gemacht, wäre ja auch zu schön gewesen :).

Und so hieß es wieder umgraben, viel umgraben. Ein Blick in meine Wochendokumentation verrät, dass ich im nächsten Monat noch 50 Stunden damit verbringen werde, mal alleine mal mit Simon, was sich immer vor allem an der Begleitmusik bemerkbar machte. Dann wurde mal Rock, Rap, deutscher Rap, französischer Rap, Salsa, Reggae, Merengue, mal Techno, mal Schlager und viel Hardstyle gehört :). Eine Musikrichtung, die generell nur in Kombination mit körperlicher Arbeit hörbar ist.


Noch etwas dürftig. Aber biointensiv!

Ja und nun? Nun, ist fertig. Vorgestern am 04.01.2018 waren die gesamten 22m² Cama biointensiva fertiggestellt und werden nun bepflanzt. Mit gekauftem Saatgut, mit geschenkten Saatgut und mit getauschtem Saatgut, denn wenn Saatgut dann auch Erntegut.

Gelernt habe ich dabei schon viel. Angefangen mit "Hardskills" wie die Verbesserung meiner Spatenschwingfähigkeiten und der Skill, Setzlinge auf ihre Umtopfbarkeit zu beurteilen. Aber auch kreative Dinge wie die verschiedenen Ideen der Selbstbewässerung, die man auf dem Bild erkennen kann, habe ich aus meiner Arbeit mitgenommen. Auch den Geist eines autarken Selbstversorgers brodelt nun in mir und vor allem seit vorgestern, bei dem Gefühl endlich das letzte Cama voll zu schippen. Durch das Anlegen der Camas haben sich nicht nur meine beiden Daumen grün gefärbt, sondern haben sich auch die ein oder anderen Hirnneuronen. Denn nun bin ich mir sicher in meinen noch kommenden Lebensabschnitten den inneren Drang zumindest einer gewissen Selbstversorgung bei zu behalten.

Eine meiner Lieblings-Kindergeschichte von Findus und Peterson erwacht aus meinen Erinnerungen. In der Geschichte legten die Beiden einen ganzen Tag lang einen großen Garten an, in dem Peterson vor allem Gurken, Mohrrüben, Kartoffeln und Sellerie anpflanzen wollte, während Findus sich auf die Anzucht von seinen Lieblings-Fleischklösschen spezialisierte. Nach einem anstrengendem Tag, an dem mehrmals Hühner und eine Kuhherde von dem Garten gescheuchte werden musste, fragt der junge ungeduldige Kater Findus den erschöpften alten Peterson: „Und was müssen wir jetzt machen?“. „Jetzt müssen wir gießen und warten.“ antwortet Peterson darauf. Von so etwas langweiligem wie gießen sichtlich unbeeindruckt antwortet Findus frech und für mich sehr einprägsam: „Du kannst ja gießen, ich warte“ :)

Ich werde beides tun müssen in der nächsten Zeit. Gießen und warten, dass die Pflanzen wachsen. Und hoffen, dass die Schulung, die bald schon kommen könnte, ein Erfolg wird.

BlogNo:02

1 Kommentar

Kommentar von: Simon [Besucher]

Man wie schnell die Zeit davon fliegt. Die Situation perfekt g(be)eschrieben.. schöne Erinnerung an die seltsame Zeit . Danke Michael.

18-03-08 @ 05:29


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