Der Tote in rosa-plüsch

von 18 lisa  

Es war ein ganz normaler Tag und ich stand wie immer gegen halb sechs auf, um meinen Garten zu wässern, da mir sonst alles eingehen würde, bei dem heißen Sommer. Trotz der Hitze sind alle froh, wenn es einen heißen Kaffee gibt... genauso wie ich den Morgen. Dazu gab es noch eine Schüssel Reis mit Baumbohnen (Gandul).

Während des Essens wurde mir dann mitgeteilt, dass meine Gastmutter eine kleine Reise durch das Territorium machen möchte um die Leute zusammen zu trommeln für die nächste Reunion (Besprechung) der Gruppe FRENAPI (Frente National de Pueblo Indigena) in San José. Dort wird das nächste große Treffen der Indigenen besprochen und geplant.

Da dieses Treffen schon diesen Montag in San Jose, der Hauptstadt, stattfindet und hier ohne Netz kein Mensch mit dem Handy erreichbar ist, muss man zu Fuß los und hoffen dass man die Leute zuhause ohne Ankündigung antrifft.

Wie gut, dass Donna Luisa´s Tochter gerade hier war und auf den Hof aufpassen konnte, während wir unterwegs waren. Ich hatte noch kurz Zeit um meine sieben Sachen zusammen zu kramen und schon ging es los nach Alto de Comte (2 Stunden Fußweg). Wir stiefelten einen wunderschönen Flussweg entlang und machten gefühlt an jedem Haus einen Stopp, wo sie mir erzählte welcher Verwandter von wem dort wohnt. Am Schluss hatte ich echt das Gefühl jeder ist verwandt mit jedem, und konnte mir gar nichts von all dem merken.

Auf dem größeren Weg angekommen, kam uns ein Motorrad entgegen und hielt an. Es war er Präsident der Junto Directiva (Vorstand von dem Dorf Las Vegas). Er erzählte, dass sein Bruder in dieser Nacht gestorben war und heute Abend die Totenwache bei ihm Zuhause stattfinden sollte. Leider wohnte er nochmal 1 ½ stunden weiter weg.


Baustelle einer neuen Brücke

Wir gingen also erst einmal weiter zum kleinen Einkaufsladen von Alto de Comte und kauften Brot und Saft. Mit dieser Stärkung fanden wir leider heraus, dass die gesuchte Frau nicht im Hause ist, sondern im nächsten Dorf, Progresso. Dort war nämlich ein hohes Tier zu Besuch; der Präsident Costa Ricas höchst persönlich. Er sollte die vier neuen Brücken anschauen und einweihen.

Wir beschlossen trotzdem hier auf sie zu warten, doch plötzlich tauchte ein Taxi auf, was für den Einkaufsladen lieferte. Kurzerhand entschied sich meine Gastmutter dort einzusteigen und nach Progresso zu fahren.

Angekommen war die Straße voll von gespannten Menschen, wo wir jedoch einfach durchfuhren um einen anderen Freund von ihr zu suchen. Der Weg führte uns unter den vier Brücken durch, da sie noch weit entfernt davon waren fertig zu sein. Meine Gastmutter war außer sich und regte sich drüber auf wie die Regierung die Leute immer unter Schach hält mit nichtfertigen Brücken und einem einzigen Besuch. So wird der Kampf für die Rechte der Indigenen und die Gleichberechtigung ja nie was!

Ich sollte gleich ein paar Fotos schießen um sie dem Präsidenten von FRENAPI zu schicken.

Leider war der andere Gesuchte auch nicht im Haus, woraufhin sie sich spontan entschied, noch ein Dorf weiterzufahren, raus aus dem Territorium. Hier trafen wir endlich Jemanden an. Es war eine pensionierte Lehrerin, die heute Abend zur Totenwache fahren wollte.

Nach einem Besuch bei dem Sohn meiner Gastmutter, der auch in diesem Dorf lebt, wurden wir wieder mit einem Taxi rausgefahren zum nächsten Städtchen, Naranjo. Hier warteten wir auf den PickUp mit dem Sarg hintendrauf. Als er ankam, fuhren wir hinter im her und wieder ins Territorium rein. Diesmal jedoch ins Dorf Los Plancitos, wo der Weg leider nur aus Schlaglöchern bestand, sodass man durchgeschüttelt, zwei Stunden später, ankam.


Sarg in moderner Farbe

Das Haus stand hoch oben auf einem Berg, wo sich schon viele Leute versammelt hatten und der Sarg in der Mitte der Meute aus der Plastiktüte genommen wurde. Ich traute meinen Augen nicht als ich die Kiste sah und konnte mein Schmunzeln einfach nicht unterdrücken. Der Sarg war rosa und plüschig und hatte Plastikverzierungen drumherum. Ich wusste nicht was ich sagen sollte und die Leute schienen alle sehr unbeeindruckt und machten Kerzen an. Nach einer Weile fragte ich dann ob die Särge hier immer so aussehen und ja das taten sie. Es gab sie aber auch noch in anderen Farben, jedoch immer in plüsch.

Diese Nacht wurde viel gedacht, geweint aber auch geredet. Mit viel Kaffee und einem Hörbuch schaffte ich es auch wach zu bleiben und über den Unbekannten Toten ein wenig nachzudenken. Mit 32 Jahren an Aids gestorben. Wieso genau weiß man nicht, aber da das Immunsystem quasi nicht vorhanden ist, kann es fast jede Krankheit gewesen sein. Die Prävention ist hier quasi auch nicht vorhanden, da es hier keine Aufklärungsarbeit gibt, geschweige denn bezahlbare Kondome.

Nach dieser tristen Nacht ging es am nächsten Morgen mit dem PickUp zum Friedhof von Alto de Comte. Dieser Friedhof war natürlich kein deutscher, in Reih und Glied geplanter Friedhof, sondern ein Platz hinter einem Haus in der Walla Pampa, wo die Gräber, als Sandhügel überall verteilt, rumlagen. Keine schönen Grabsteine. Keine Kirche. Nur Hügelchen, wo ab und zu ein halbes Holzkreuz hervorlugte.


Das Grab

Das Grab vom rosa-plüsch-sarg wurde gerade von den Brüdern ausgehoben, als die Menschen alle ankamen. Zwischendurch wurde noch schnell das selbstgebastelte Holzkreuz geholt und eine Frau nahm sich einen Kugelschreiber um den Namen und Geburts/Todes-jahr darauf zu schreiben. Ich konnte es nicht mitansehen und holte meinen wasserfesten Filsstift aus meiner Tasche. Ja die reiche Weiße hat mal wieder alles… Sie waren jedoch begeistert und endlich konnte man den Namen auch ohne Augen zusammenkneifen lesen.

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