Auf zu Arbofilia, auf dem Weg in den Regenwald.

von marcus_11  


Nicht Knast, sondern zur
Sicherung der Ladefläche

Regen. Wald. Endlich! Es regnet in Strömen, es schüttet buchstäblich Wasser vom Himmel. Angekommen im Regenwald. Seit etwas mehr als einer Woche bin ich nun im so genannten Korridor von Arbofilia – einer Umweltorganisation, die sich die Wiederherstellung von Natur und Kultur verschrieben hat – gelegen im Westen von Costa Rica, unweit vom Pazifik und an der Grenze zum Carara Nationalpark. Es ist fast, als würde ich ein zweites Mal in Costa Rica ankommen und fühlt sich unglaublich gut an, hier zu sein. Schon die Anfahrt nach El Sur – so heißt der kleine Ort mit einer Handvoll Häusern – und die Begegnung mit Miguel, dem Denker und Lenker von Arbofilia, war sehr spannend.

Freitag um 5 Uhr morgens werden wir am Casa Ridgway abgeholt, wo uns Miguel mit einem freundlichen Grinsen in der Morgendämmerung erwartet. Von der äußeren Erscheinung her wirkt er so, wie ich ihn mir vorgestellt oder vom Foto her in Erinnerung hatte: groß und stämmig, von beeindruckender Gestalt, die trotz aller Kraft und Souveränität auch etwas Mildes, sehr Freundliches ausstrahlt, außerdem einen gewissen Witz, etwas Humorvolles. Nach einer ersten kurzen Begrüßung verfrachten wir unser Gepäck hinten im Pick-up; Janika und ich klettern dazu; Franzi setzt sich vorne rein und wir fahren zusammen zur Busstation.


Nicht schnell, aber laut Miguel
sehr energieeffizient

Das Abenteuer beginnt mit dieser kurzen Fahrt hinten in seinem kleinen „Truck“. Miguel wirkt etwas chaotisch, aber auch sehr sympathisch. An der Busstation Quepos angekommen springen wir raus, mit Handgepäck, und laufen zum Ticketschalter. Da der aber noch geschlossen ist, setzen wir uns an einem Tisch zusammen, Als Franzi die einfache Frage stellt, welchen Bus wir nehmen sollen bzw. bis wohin wir fahren sollen, springt Miguel wie auf Kommando vom Tisch auf und kommt mit einer Mappe zurück, die er dann bedeutungsvoll vor uns auf den Tisch legt und beginnt in der verlegenen Stille unserer Überraschung wohl gewählte Worte zu sprechen. So langsam und eindrücklich, dass wir ihm ganz gebannt folgen; erstaunt ; erwartungsvoll.

Es geht um Wahrnehmung, Einstellungen, Herangehensweisen – um die Einheit von Denken, Fühlen, Reden und Handeln. Als er die Broschüre zur Hand nimmt, spricht er kurz über die Philosophie und Arbeitsweise von Arbofilia; ein paar Prinzipien, Verhaltensregeln z.B. im Umgang mit Alkohol und Rauchen, dann schließlich über die Lage am Tarcolés-Fluss, was ja die ursprüngliche Frage von Franzi war. Er entspricht mit seiner Antwort jedoch nicht ihren Erwartungen einer genauen geographischen Angabe, sondern eher einer anthropologisch-archäologischen Sichtweise: er liegt an der Grenze von Maya-Königreich im Norden und dem der Choco-Darier im Süden. Später ergänzt Miguel, dass zu ersterem Kulturkreis die Chorotegas, Corobici, etc. gehören und zu zweitem die Bribri, Cabeca, Brunca, etc. und dass sich ethnische Grenzen oder Räume oft mit klimatisch-geographischen decken, so wie hier, wo der Tarcolés- Fluss bzw. der umgebende Korridor den nördlichen Trockenwald vom südlich gelegenen Regenwald trennt, mit allem was dazu gehört.


Kultur, Geschichte, Philosophie ...
mancher Freiwillige wähnt sich im Wald

Dann wird’s wieder philosophisch. Als entscheidend für unser Leben nennt er drei Faktoren: 1) Produktiv sein (make money!), 2) Familie, 3) Lernen und sich entwickeln (jeden Tag!). Auf den letzten Punkt scheint es ihm besonders anzukommen: er zeichnet in das Arbofilia-Heft auf die Rückseite der ethno-geographischen Karten eine stufenförmige Skizze und schreibt ganz unten das Stichwort „informacion, darüber dann „conocimento“ (knowledge), gefolgt von „sabiduria“ (wisdom), die man erst nach viel Erfahrung und Aneignung von Wissen erlangen kann – die Weisheit. Von der Weisheit gelangt man zur Intuition und schließlich zur höchsten Stufe der Entwicklung: Unidad total.

Diese Entwicklung bezeichnet er auch als Progresion. Außerdem erklärte er uns die Eigenheiten der einzelnen Entwicklungesstufen. Information wird passiv empfangen. Kentnisse oder Wissen kann aktiv erworben angewendet und erlernt werden. Weisheit entsteht durch die Ansammlung von Kentnissen, Wissen und Erfahrungen. Intuition erlangt man durch das Vertrauen auf die eigene Weisheit bis hin zum Leben im totalen Einklang mit der Natur.

Dann lässt er uns allein und fährt mit seinem kleinen Pick-Up Truck davon. Wir entscheiden uns für den langsameren, doch billigeren Bus, und machen dem Busfahrer klar, dass wir an der Tarcoles Brücke raus müssen, wo wir uns mit Miguel treffen werden. Ich lese etwas im Arbofilia-Heft, bin jedoch zu müde und schlummere ein, während wir durch endlose Serpentinen fahren und schaukeln.

Bald kommt eine Pause und wir versorgen uns mit einem süßen Snack zum Frühstück: Dann geht’s weiter und wir müssen nun aufmerksamer sein und auf die Tarcoles- Brücke achten. Der freundliche Busfahrer hat uns jedoch nicht vergessen und sagt uns rechtzeitig Bescheid. Miguel erwartet uns bereits auf der anderen Straßenseite, vorm Restaurant Crocodilo.

Dort bestellen wir Kaffee, Tee, Limonade und Plátanos, und haben die Gelegenheit, uns etwas besser kennen zu lernen, indem Miguel uns fragt, wo wir herkommen oder vielmehr: wo unsere Wurzeln sind: Kelten, Normannen, Bajuwaren, ...? Dann schweift er wieder etwas ab und kommt auf die Besonderheit der Region als Zusammentreffen verschiedener Klima-, Kultur- und Vegetationszonen zurück: Der nördliche, trockene Teil von Costa Rica, beeinflusst von Maya-Kulturen und der südliche Teil mit feuchtem Klima und anderen indigenen Kulturen. Daraufhin erklärt er uns die Eigenheiten von Nord und Süd: Der Norden steht für den Wind, die Stirn (das „dritte Auge“), die Entdeckung und Wahrnehmung – für den Adler. Der Süden steht für die Mutter Erde, Verbundenheit, Festigkeit, Harmonie, Fruchtbarkeit, für den Bauchnabel, das Schwere, die Gravitation. Dies zeigt den Gegensatz Nord-Süd spirituell. Dann folgen ein paar Fingerübungen (immer locker bleiben!) und wir machen uns auf den Weg.

Wir drei Freiwilligen gehen zu Fuß über die Brücke, um die Krokodile besser zu sehen und tatsächlich: Auf der anderen Seite vom Fluss liegen etwa ein Dutzend Krokodile im trüben Schlammwasser. Beeindruckend, sie so nah beobachten zu können, wirklich faszinierend!

Dann heißt es eingestiegen für den letzten Abschnitt unserer Reise – die Mädels hinten auf der Ladefläche, ich vorn neben Miguel. Wir reden über sein 70er Jahre Auto, das er selbst aufgerüstet hat, über den Vorteil von Technik früher und heute, seine Erfahrungen, die alten volunteers, den Kontakt zu Hermann und Pro Regenwald, Guanacaste und Wilmar, Natur, Wetter, Kultur und das Leben an sich. Zwischendurch halten wir öfters an, um Aussichtspunkte zu genießen und von Miguel zu lernen: über Flora & Fauna, Bodenarten und vulkanische Aktivitäten aufgrund von Plattentektonik. Es wird zunehmend auch wärmer und feuchter, ein sehr schwüles Klima.

Schließlich kommen wir in El Sur an, wo wir von Geovanni erwartet und nach dem Abladen auch mit seiner Frau Noemi bekannt gemacht werden, die uns gleich ins Haus bittet und lecker fresco mit Pfannkuchen aus Mais anbietet. Dann laden wir das Gepäck um und laufen zur Station. – Genial! Traumhaft! Leben inmitten der Natur. – Stille; nur der Fluss rauscht und die Vögel sind zu hören. So hab ich mir Costa Rica vorgestellt! Es ist, als würde ich noch einmal neu ankommen.

Dort auf der Station werden wir von Miguel und Geovanni mit dem Wichtigsten vertraut gemacht und in die Geheimnisse von Wasserfilterungsanlage und Trockenraum eingeweiht. Für den Trockenraum fehlt Licht und ein Ventilator; für die Wasserfilteranlage ein Element, um den Wasserfluss leichter zu regeln. (invento de un aleman). Sauberes Wasser und ein Raum, indem die Wertsachen nicht schimmeln, ist unter diesen Bedingungen enorm wichtig.

Schließlich fahren wir zurück zum Mittagessen und Kaffee. In der Nähe des Hauses sehe ich meinen ersten Tukan! Später gehen wir mit Geovanni, Noemi und dem Jungen wieder zur Station und richten uns etwas ein. Ich entdecke einen Motmot (eine Art „Parabos“) und genieße die Natur. Miguel und Geovanni machen uns noch mit den kommenden Aufgaben vertraut: zunächst Arbeit in Baumschule (vivero) und Beeten (camas): für 20.000 Bäumchen sind das 12-15 Beete. Außerdem das Düngen von etwa 7.000 Bäumen, die vor einem Jahr von unseren Vorgängern gepflanzt wurden.

siehe auch:
Auf dem direkten Weg in den Wald
Regenwald als kultureller Lebensraum
Baumpflanzsaison beginnt
Auf den Spuren von Nils

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