Erdbeben 2 ... Die Erde bebt! - Menschen erzittern vor der Naturgewalt

von marcus_11  

Die Erde bebt, die Zeit scheint still zu stehen. Ungläubig sehen meine Augen die vor mir schwankenden Platanen, welche mir die enorme Bewegung des Bodens auf dem ich stehe erst wirklich bewusst machen und mich erschrecken. Dennoch begreifen kann ich es nicht und so bleibe ich im ersten Moment wie angewurzelt stehen, bewegt nur durch die Erschütterungen des Bebens – erschreckt vielmehr jedoch durch die anhaltend aufgeregten Schreie aus der Nachbarschaft.

Mein Kollege Felipe reagiert als erster und ich stürze ihm hinterher, zum nahe gelegenen Grundstück von Ana, (der Schwester meines Gastvaters), die mit hysterischer Stimme nach Gott und der heiligen Jungfrau Maria ruft, aus Angst, dass ihr Haus einstürzen könnte, wo sie das Erdbeben allein ´überraschte. Sie weint und zittert vor Angst und ist unglaublich erleichtert, als wir zu ihr kommen, um sie zu beruhigen. Nach einer Umarmung wird sie schon ruhiger und als das Beben abklingt, geben wir ihr noch etwas Wasser. Dann versichern wir uns noch, dass am Haus nichts zu Schaden gekommen ist. Doch außer ein paar heruntergefallenen Küchentöpfen und ein paar Scherben ist nichts passiert.

Also noch mal mit dem Schrecken davon gekommen. Da kommen wir auf die Idee, unser Haus zu kontrollieren. Denn gerade an diesem Tag haben wir weit entfernt am anderen Ende der finca gearbeitet – Glück für Ana (nah an ihrem Haus), doch Xinia, unsere Haushaltshilfe musste das Erdbeben allein überstehen und zittert noch, als wir ankommen. Sie sagt, dass sich das Haus heftig hin und her bewegt habe. Im Innern ist nichts passiert, außer einer zu Bruch gegangenen Vase, deren Scherben auf dem Boden liegen. Schade, weil es eine Handarbeit aus der Region war, getöpfert nach indigenen Vorbildern in Guatil – aber dennoch nur eine Vase. Xinia ist nichts passiert. Das ist wichtiger.

Später werde ich noch bemerken, dass dies Ereignis die ohnehin schon große Solidarität der Menschen hier noch verstärken sollte. Die Kinder kommen von der Schule, die Männer von der Arbeit und alle versammeln sich gemeinsam zu Hause, um im Gemeinschaftsgefühl das Erlebte zu verarbeiten, sich zu stärken, einfach füreinander da zu sein. Dennoch arbeiten Felipe und ich zunächst ganz normal weiter, um unser Tagwerk, die Umzäunung des Maisfelds mit Stacheldraht, noch fertig zu bekommen.

Durch die Arbeit vergesse ich das Geschehene fast oder zumindest scheint es so, als wäre nichts schlimmes passiert und dadurch werde ich sehr ruhig und gelassen. Als wir fertig sind und sowohl Xinia, als auch Felipe weg sind, besuche ich einige Leute und erfahre erst so richtig von der Tragweite des Ereignisses, untermauert durch Fernsehnachrichten, die nun wieder zu empfangen sind, denn ausgelöst durch das Erdbeben war der Strom ausgefallen (was jedoch auch öfter durch die sehr starken Regenfälle hervorgerufen wird).

Das Erdbeben mit dem Epizentrum in unserer Provinz Guanacaste hatte eine Stärke von 7.6 – bei vergleichbaren Beben dieser Stärke in anderen Ländern sind dabei viele Menschen zum Opfer gefallen. In Costa Rica sind die Schäden bisher überschaubar und das Erdbeben kostete „nur“ drei Menschenleben“. In unserem kleinen Dorf „Pozo de Agua“ sind die meisten Menschen sehr erschrocken, aber dennoch „tapfer“, die Männer spielen die Situation oft etwas „machohaft“ herunter (typisch „cowboys“), die Frauen neigen dazu zu dramatisieren, aber die meisten setzen ihr Vertrauen in Gott und die Heilige Jungfrau Maria bzw. „Maria de los Angeles“, die Schutzbefohlene Costa Ricas.

Später kommt noch eine Warnung vom Katastrophendienst: Alarmstufe Gelb: man solle sich bereit halten und seine sieben Sachen packen – für alle Fälle. Und so macht sich Suray daran, eine Notfalltasche zu packen und Wasser in Behältern zu sammeln (falls neben dem Strom auch das Wasser ausbleibt). Anfangs hege ich noch Zweifel am Katastrophenplan, doch schließlich packe auch ich einen Notfallrucksack mit dem Nötigsten und helfe ihr mit den Wasservorräten – mehr um sie zu beruhigen, als wirklich daran zu glauben; aber sie hat schon recht: besser vorsorgen, als böse überrascht werden.

Am Abend kommt Wilmar aus San Jose nach Hause und berichtet noch mal aus ganz anderer Perspektive vom heutigen Tagesereignis: im Bus sitzend habe er zunächst gar nichts davon mitbekommen und sich nur über Leute gewundert, die aus den Büros „flüchten“ und erst an der Endhaltestelle dann vom Erdbeben erfahren. Erstaunlich, dass man im Bus nichts davon spürt. In der Hauptstadt San Jose war das Beben zwar weniger stark, da weiter vom Epizentrum entfernt, aber dennoch so wie im ganzen Land deutlich spürbar und aufgrund der höheren Gebäude wahrscheinlich sogar gefährlicher. Außerdem brachen in der Hauptstadt die Kommunikationsnetze zusammen.

Am Ende des Tages kommt die große Erleichterung noch mal mit dem Schrecken davon gekommen zu sein. Suray erleuchtet den kleinen Hausaltar für die Jungfrau Maria mit vielen Kerzen – da wird einem auch gleich ein wenig warm ums Herz. Im Glauben an ihren Schutz und durch die beruhigende Wirkung des Linden-Kräutertees finden schließlich alle einen erholsamen Schlaf. Erst um 3 Uhr morgens gibt es kleinere Nachbeben, durch die so manche geweckt werden. Doch bei mir hat Surays Kräutermischung gut gewirkt und so können mich die geringen „temblores“ nicht um den Schlaf bringen, sondern ich werde erst um 5 Uhr wie gewöhlich durch die „pericos“ geweckt.

http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2012-09/costa-rica-erdbeben-tsunami-warnung

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