Politische Veranstaltung á la Tico

von 13 josina  

Es ist Freitagmorgen, noch vor dem Frühstück werden die letzten 'banderas und Tassen von unserem Mitbewohner Lizandro mithilfe des Siebdruckverfahrens bedruckt. Alle helfen mit, denn von 9-12 Uhr soll es in Nicoya eine politische Veranstaltung der links ausgerichteten Partei 'Frente Amplio' geben, in der der Chef unserer Organisation, Wilmar Matarrita, aktives Mitglied ist - und die Zeit läuft.

Gespannt wie so etwas in einem lateinamerikanischen Land abläuft und der Frage, ob es wohl große Unterschiede zu einem deutschen Pendant geben wird, fahren wir mit dem Bus Richtung Stadt.

Es ist bereits halb neun, jeder, der die Treppen des Hauses hoch geht, nimmt einen oder mehrere Stühle mit. Oben angekommen helfen wir noch bei den letzten Vorbereitungen, verteilen die Stühle - und warten. Es ist mittlerweile 9:20 Uhr, der Raum füllt sich zunehmend - aber es scheint niemanden zu stören, dass es schon längst hätte losgehen sollen. Immerhin sind ja offensichtlich noch längst nicht alle der Interessierten angekommen.

So warten wir noch ein bisschen und beobachten die eintreffenden Leute - es ist ein ganz gemischtes Publikum: jung & alt, groß & klein - alles ist vertreten.

Gut eineinhalb Stunden nach angesetztem Beginn trifft der Präsidentschaftskandidat der Partei, José María Villalta, ein. Man startet kurze Zeit vorher jedoch schon ohne den 'Stargast' des Tages.

Tagesordnungspunkte sind u.a. Bildungsmöglichkeiten für junge Peninsulaner (Bewohner der Halbinsel (peninsula) Nicoya, fehlende Unterstützung & Märkte für Kleinbauern, sowie von dem Nervengift NEMAGON betroffene Personen, die auf Bananenplantagen arbeiteten.

Los geht's mit einer Geschichte, die ziemlich lustig sein muss, da lautes Gelächter den ersten Redner häufig unterbricht. Jener beendet seinen Auftritt mit einem Gebet - die Vermutung liegt zumindest nahe, da plötzlich alle aufstehen, die Hände falten und die Köpfe senken.

Die Tatsache, dass Fabian, mein Mitfreiwilliger bei Fedeagua, und ich nicht allzu viel des Gesagten verstehen können, begünstigt, dass wir unserer Augen und Ohren für andere Dinge offen haben und uns so Sachen auffallen, die ansonsten vermutlich nicht offensichtlich geworden wären:

Der Veranstaltungsraum ist in etwa so groß wie das Spielfeld eines Tennisplatzes, wirkt aber sehr viel kleiner, weil die Deckenhöhe recht gering ist. Da auch einige kleine Kinder dabei sind und diese verständlicherweise Weise keine drei Stunden ruhig auf ihrem Platz zu sitzen gedenken, wird es nach einiger Zeit im hinteren Teil des Raumes etwas lauter. Kein Wunder, fangen und kämpfen macht nicht einmal halb so viel Spaß, wenn man dabei leise sein muss. Vereinzelt versuchen zwar ein oder zwei der etwas offizielleren Personen die Kleinen ruhig zu stellen - aber das Vorhaben scheint aussichtslos. Die Eltern sehen sich nicht in der Verantwortung, oder unternehmen allenfalls halbherzige Versuche, indem sie sich in unregelmäßigen Abständen umdrehen und mit dem schwenkendem Zeigefinger den Nachwuchs auf das unangemessene Verhalten so versuchen aufmerksam zu machen. Dieser registriert die Geste zwar, gedenkt aber nicht etwas zu ändern. Warum auch, wenn keine Konsequenzen zu befürchten sind? Die Masse sieht nicht aus als fühle sie sich durch das Geschrei und Gestrampel großartig gestört. Wäre das in dieser Form in Deutschland möglich? Kaum vorstellbar ..

Abseits der Sitzreihen treffen sich immer wieder Bekannte, die erst einmal Aktuelles austauschen und kurze Pläuschchen halten - aber nicht etwa im Flüsterton, eher in einer typisch temperamentvollen, kräftigen Stimmlage. Dennoch blickt auch dieses Mal kein Anwesender genervt zu den Schwätzenden hinüber oder regt sich auf andere Weise lautstark auf.

Die Wasserkaraffe, mit deren Inhalt die Redner ihre trockenen Kehlen wieder anfeuchten konnten, wird nach Ende der Veranstaltung kurzerhand mit den Resten aus den Gläsern aufgefüllt und später an Helfer verteilt - in Deutschland undenkbar, oder?

Im Anschluss folgt ein gemeinsamer Umzug durch die Straßen von Nicoya. Miriam, die schon seit einem Jahr Freiwillige hier ist, hat so etwas dieser Art noch nie miterlebt. Das Ziel: das neue Büro von 'Frente Amplio', die Einweihungsfeier quasi. Nach dem 20-minütigen Marsch werden vor dem Büro noch einige Fotos geschossen, die lokale Presse ist nämlich auch anwesend, ehe eine Dame mittleren Alters das 'Herumgestehe' mit einem lautstarken '¡Comida!' ('Essen!') auflöst.

Es stellt sich schnell heraus, dass das angekündigte Essen noch nicht da ist, dennoch pilgern immer mehr Hungrige in den kleinen Raum auf der Suche nach etwas Essbarem.

Kurze Zeit später kommt es glücklicherweise in Pappkartons angeliefert, und wir haben die Aufgabe beim Auftun des Gerichts zu helfen. Was anfänglich gut funktioniert, wird schnell zu einer größeren Herausforderung als gedacht, da entweder Teller oder Gabeln bzw. alternativ Löffel Mangelware sind. Einige werden immer ungeduldiger und nehmen gleich ein ganzes Töpfchen, in dem jeweils 3 Portionen sind, mit - der kreisrunde Deckel ersetzt das Besteck. Andere behelfen sich währenddessen mit der Einnahme von Erfrischungsgetränken, die ebenfalls kostenlos verteilt werden. Das ist sicherlich eine clevere Idee, denn mittlerweile ist die Raumtemperatur, begünstigt durch das heiße Essen und die Ansammlung der Menschen, enorm gestiegen und wird in zunehmender Form unerträglich.

Obwohl es zwischendurch anders erscheint, bekommen wir alle gesättigt. Manche packen sich sogar zusätzlich noch etwas ein und nehmen es mit nach Hause.

Trotz der zwischenzeitlichen Engpässe sind die Leute, anders als erwartet, erstaunlich ruhig geblieben und haben halbwegs gesittet abgewartet. Natürlich gab es auch Ausnahmen - aber so ist es ja meistens.

4 Kommentare

Kommentar von: Sarah [Besucher]

Find ich voll interessant, mal zu hören, wie eine politische Veranstaltung in Lateinamerika so abläuft, es ist wirklich kaum vorstellbar, dass bei uns jemand laut redet ohne, dass er böse angeschaut wird oder “schts” zu hören bekommt.
Weißt du denn noch mehr über “Frente Amplio"? Würd mich echt interessieren..also gehören die eher zu den Radikaleren? Ham die schon betimmte Dinge erreicht? Was sind so ihre Hauptziele? Sind sie schon durch bestimmte Aktionen aufgefallen?

Kommentar von: Magda [Besucher]

Also mich würde es nerven, stundenlang Reden anzuhören, die ich nicht verstehe…wenn’s trotzdem interessant war, umso besser für euch^^

Kommentar von: Sami [Besucher]

Wart ihr jetzt da eigentlich hauptsächlich als Helfer? (Wegen Essen austeilen etc) Und habt ihr dann auch was von dem “Recyclingwasser” bekommen xD

Kommentar von: Jan S. [Besucher]  

Hey,
weiss jetzt nicht wie weit eure konkrete Arbeit beim Wahlkampf geht, aber vllt habt ih ja dazu infos…Wie ist denn so die (politische) Stimmung so im Land… bzw. wie populaer/beliebt ist denn die frente Amplio (oder auch andere (mitte)links Oppositionsparteien)… gibts reelle chancen eine dritte Amtszeit der Liberación zu verhindern?
saludos Jan


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