Wimpernschlag

von 13 fabian  


Rumbo döst gemütlich

Eigentlich wollte ich ihn noch fotografieren. Wie er immer auf dem Boden lag, alle Viere von sich gestreckt. Es sah unnatürlich und schmerzhaft aus, als wären die Schulter- und Hüftgelenke ausgekugelt. Aber er schaute dabei immer ganz zufrieden drein. Jetzt ist es zu spät, das Foto wird es nie geben.

Congo, der Hund von William, unserem Chef, wurde vor zwei Wochen in der Nacht überfahren. Wenigstens hatte Congo in den letzten Wochen noch eine schöne Zeit zusammen mit Rumbo (dem zweiten Hund hier), vielen Keilereien und in Freiheit. Denn er war bis vor etwa vier Wochen 24 Stunden am Tag vor seiner Hundehütte angeleint und man konnte ihn oft winseln hören.


Rumbo in Erwartung einer Streicheleinheit

Die neue Landstraße führt genau vor dem Gelände unserer Finca vorbei. Zusammen mit Rumbo war Congo immer in der Umgebung unterwegs. Wir wissen nicht, wo sie sich überall herumgetrieben haben und ob sie Menschen, Ratten, Müll, Bälle oder Ameisen gejagt haben (wobei Müll am wahrscheinlichsten ist, da sie immer wieder neuen herangetragen und in kleine Stücken zerfetzt haben). Dass sie auch vor der Straße nicht zurückschrecken haben wir hin und wieder beobachtet. Aber die beiden waren wohl noch zu jung und wild, um die Gefahren der Straße zu erkennen.

Das Gleiche - zu jung und wild, um sich der Gefahren der Straße bewusst zu sein - traf vielleicht auch auf den Motorradfahrer zu. Vor einiger Zeit ist er ebenfalls nicht weit von unserem Eingangstor bei einem Unfall ums Leben gekommen (Genaueres im Bericht von Miriam: "Ein Toter vor der Haustür"). Und Anfang Oktober ist ein guter Freund einer guten Freundin von mir ebenfalls bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Er war Ende 20.

Leben, Wimpernschlag, Tod. So wenig liegt dazwischen.

All dies macht einen sehr nachdenklich. Wie können Angehörige, Freunde und Beteiligte solch ein Unglück verarbeiten? Waren sich die Menschen bewusst, welche Risiken sie eingingen? Wer denkt schon daran, dass man in einen Unfall verwickelt werden könnte, wenn man in ein Verkehrsmittel steigt oder einfach nur an der Straße spazieren geht? "So etwas passiert nur den Anderen", beruhigt uns unser Unterbewusstsein. Die Gefahr ist jedoch unser ständiger Begleiter geworden. Still und heimlich hat sie sich in unseren Alltag geschlichen. So still, dass wir uns ihrer kaum noch bewusst sind. Wenn wir uns ständig aller Gefahren bewusst wären, was könnten wir dann noch machen, ohne in Panik auszubrechen? Eine Teilnahme am normalen gesellschaftlichen Leben wäre wohl kaum möglich, ohne dass wir U-Bahn, Auto oder Fahrrad fahren oder zu Fuß durch die Stadt gehen, um ins Café oder Kino zu gehen. Durch den weitgehenden Verzicht auf Verkehrsmittel würde unser Leben auf jeden Fall um einiges ruhiger und langsamer werden. Wir würden mehr Zeit für alles brauchen und nur noch die Sachen machen, die uns wirklich wichtig sind. Und nur für wirklich wichtige Sachen würden wir uns in Auto oder Zug setzen. Die Menschen würden vielleicht weniger durch die weite Welt reisen, sondern würden stattdessen die Menschen, Landschaften und Orte in ihrer Umgebung kennenlernen. Viele Annahmen, viele Gedankenspiele ...

Ich bin mir jedoch sicher, dass die modernen Industriegesellschaften nicht funktionieren würden, wenn sich die Menschen der ständigen Gefahren bewusst wären. Unser Unterbewusstsein ist ein meisterhafter Täuscher. Wie viele Menschen ändern schon ihr Verhalten, obwohl es in den Medien von den schrecklichsten Unfällen nur so wimmelt? Eigentlich müssten wir davon so schockiert sein, dass wir nicht mehr in Auto oder Bus steigen. Die deutsche Industrie könnte ihre Autos nur noch an Menschen verkaufen, die davon noch nie etwas gehört haben. Doch wie viele Kunden bleiben da noch übrig? Leider (oder "zum Glück"?) kommt unser Unterbewusstsein der deutschen Industrie zur Hilfe. Es verdrängt Gefahren und Ängste, damit das Wirtschaftswachstum nicht zu einem Wirtschaftsschrumpfen wird.

Gefahren im Alltag hin oder her. Es ist gut, sich ihrer bewusst zu sein. Zusammen mit gesundem Menschenverstand lassen sich viele Risiken minimieren oder ausschalten. Aber leider heißt das noch lange nicht, dass auch der Gegenverkehr bewusst und vorausschauend handelt, um das Risiko zu verringern. Wenn man den Wert seines eigenen Lebens gegen die Gefahren aufwiegt, dann geht manch einer vielleicht doch lieber im Wald spazieren als im Auto ins Skigebiet zu fahren (was nicht heißen soll, dass im Wald keine Gefahren lauern!).

Wir sollten uns jedenfalls nicht nur der Gefahren, sondern vor allem der Einzigartigkeit unseres Lebens bewusst sein. Was lohnt es sich dafür aufs Spiel zu setzen? Ist die Jagd nach immer größeren Abenteuern nicht in Wahrheit eine Flucht vor inneren Ungereimtheiten? Sind wir dauerhaft glücklicher und zufriedener, nachdem wir aus Flugzeugen gesprungen und mit Haien getaucht sind? Nachdem wir den Gestank sämtlicher Metropolen der Welt eingeatmet und jedes Naturschauspiel fotografiert haben?


Ich denke, dass man sich rechtzeitig über solche Fragen Gedanken machen sollte, um seine eigenen Antworten darauf zu finden. Jeder wird sich unterschiedlich entscheiden. Die einen werden ausziehen, um jede Wüste der Welt im Schneeanzug zu durchqueren und jeden eisigen Berg nackt zu erklimmen. Die anderen setzen sich lieber in ihren Garten und beobachten Schmetterlinge. Jeder hat seine Gründe für diese Entscheidungen und jeder hofft damit glücklicher zu werden. Und wenn alle im Garten sitzen würden, über was würden wir dann noch reden? Über die Tausenden Arten von Insekten? Oder würden wir mehr Schweigen? Dazu habe ich vor Kurzem ein passendes Zitat gelesen: "Cuando hables, procura que tus palabras sean mejores que el silencio." (Wenn du redest, versuche, dass deine Wörter besser seien als die Stille.)

Mehr Ruhe, mehr Stille, mehr Schweigen.

Weniger Hektik, weniger Stress, weniger Termine.

Klingt doch gar nicht so schlecht. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

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