Nachts in San Jose – Immer auf der Hut

von 16 tim  

Ich schaue auf die Uhr – Shit es ist schon halb 11! Ich muss schnell los, sonst verpasse ich meinen letzten Bus hinauf zu meinem Haus in die Berge von San Antonio. Flüchtig sage ich Ariana an ihrer Tür „Chao“ und mache mich auf zur Bushaltestelle. Ich bin gerade nachts in San Pedro, dem Studentenviertel von San Jose. Nach 10 Minuten Fußweg erreiche ich die Bushaltestelle im Zentrum von San Pedro. Hoffentlich kommt der Bus bald, denke ich. Die Fahrzeiten der Busse sind, wie überall, nirgendswo ausgeschrieben. Man weiß also nicht, wie lang man warten muss. Doch selbst wenn man die Busfahrzeiten herausgefunden hat, muss man immer noch darauf hoffen, dass der Bus pünktlich kommt - was nicht zu oft passiert.

Neben der Eile stellt sich bei mir dieses etwas mulmige Gefühl ein, das nur hier nachts in San Jose entsteht. Viel habe ich schon gehört über die Gefahr nachts an einigen Orten. Raubüberfälle mit Messer oder Pistole sollen hier nichts Besonderes sein. Und mir wurde gesagt, die Räuber hätten keine Probleme damit, ihre Waffe zu benutzen, falls man nicht das tut, was sie von einem verlangen. Solche Geschehnisse passieren jedoch nicht überall in San Jose, sondern nur an einigen bestimmten Orten. Welcher Ort sicher und welcher unsicher ist, weiß ich nicht genau. Ich weiß nur, dass der Weg über die Haupteinkaufsstraße durchs Zentrum relativ sicher ist, da dort viel Polizei vor Ort ist. Danach sieht es jedoch anders aus. Rund um meine Bushaltestelle Coca Cola ist es bekanntermaßen weniger sicher. Daher das mulmige Gefühl…

Zum Glücke kommt bald ein Bus und ich fahre ins Zentrum. Von dort aus geht es zu Fuß weiter über die Haupteinkaufsstraße. Betont selbstsicher, mit schnellen Schritten und Blick nach vorn schlendre ich vorbei an den geschlossenen Geschäften. Leute, die mich ansprechen und wahrscheinlich etwas verkaufen oder um Geld betteln wollen, ignoriere ich dabei. Ich erinnere mich an meine erste Nachtwanderung hierdurch, als ich noch nicht genau wusste, ob es sicher war und wo nicht. Damals hatte ich einen Tico gefragt, der mir bestätigte, dass die Hauptstraße sicher sei. Er bat mir jedoch trotzdem an, dass wir zusammenlaufen könnten. Dankend nahm ich an und wir unterhielten uns auf dem Weg. Ich erfuhr, dass er Student war und diesen Weg jeden Tag läuft. Kurz bevor dem Viertel Coca Cola erzählte er mir, dass diese Straße von nun an unsicherer sei, und es besser wär, zu einer Parallelstraße zu wechseln, die offener ist und wo viele Autos fahren.

Diesen Tipp beachte ich also auch nun während meines Heimweges allein. Zwischendurch hebe ich bei einem Bankautomaten noch etwas Geld ab, weil es keine Bankautomaten in meinem Dorf gibt. Lieber wär ich ohne Geld durch die Straßen gezogen, falls doch mal jemand mich ausrauben will. Aber ich muss noch die Miete bezahlen, weshalb mir keine andere Wahl bleibt. Ich stecke also das Geld in meine linke Socke und gehe weiter. Kurz bevor der Bushaltestelle Coca Cola ist es immer gefühlt am unsichersten. Doch nichts passiert. Um es klarzustellen: Es ist nicht so, dass man jedes zweite Mal hier nachts in San Jose ausgeraubt wird - doch die Möglichkeit besteht. Besonders auf Ausländische haben es die Täter natürlich abgesehen, da sie im Durchschnitt reicher sind als Einheimische. Eine indische Freundin von mir wurde hier schon mal mit einer Pistole bedroht. Es kann also passieren.

Etwas erleichtert komme ich bei der Bushaltestelle an. Doch schnell wird mir schon wieder schwerer um den Hals. Niemand anders steht an der Bushaltestelle, sie ist leer. Normalerweise hat sich immer schon eine Schlange von 5-20 Leuten gebildet, die auf den Bus warten. So leer wirkt auch die Bushaltestelle unsicher. Ich schaue auf die Uhr: 23.15. Meine Gastmutter hat mir erzählt, dass der letzte Bus um 23.30 fahren würde. Jedoch bekomme ich durch die fehlenden Wartenden ein komisches Gefühl. Dieses verstärkt sich noch, als ich mich der Bushaltestelle nähere:

2 Meter von dem Halteschild entfernt liegt ein Mann auf dem Boden.

Ich höre Polizeisirenen um mich herum und sehe schwarzblaue Autos anhalten, woraus Polizisten aussteigen und zu der liegenden Person laufen. Was tun? Der einzige Ort mit Licht und Menschen ist ein Bistro ganz in der Nähe, wo sich bereits Menschen über das Geschehnis unterhalten und es beobachten. Ich geselle mich also dazu. Soll ich von hier aus auf den Bus warten? Was, wenn er nicht kommt? Auch in der Nähe gibt es keine sichereren Plätze. Also am besten erstmal hierbleiben und warten.

Immer mehr Polizisten versammeln sich um die Person auf dem Boden. Dazu schnappe ich plötzlich ein Wort auf aus der Konversation der Männer am Bistro: “Martaron” – sie töteten. Erschreckt schaue ich zu dem Mann auf dem Boden. Ich kann nicht so recht glauben, dass ich dort gerade eine Leiche sehe. Ich frage also die Leute, was denn los sei. Ich verstehe nicht viel von dem, was sie mir sagen. Mehrere Leute sollen dort gewesen sein, den Mann gewürgt haben und dass dieser jetzt tot sei. Geschockt stehe ich da – unwissend wie zu reagieren. Es ist so einer der Momente, wo man mit der Realität nicht klarkommt bzw. nicht verarbeiten kann, was gerade passiert. Nach ein paar Minuten schockstarre dann eine weitere Verdrehung der Realität: Der Mann am Boden steht wieder auf! Kein Toter also, die Leute haben nur geredet! Der Mann torkelt auf uns zu und ich bekomme etwas Angst. Die Leute jedoch beruhigen mich und meinen, dass er harmlos sei. Von nahem kann ich sehen, dass er eine Platzwunde am Kopf hat. Er torkelt weiter, dreht um und geht wieder zurück. Was ist mit ihm los? Warum half ihm keiner, nicht einmal die Polizei? Er scheint nicht ganz bei Bewusstsein zu sein, denn schon nach kurzer Zeit torkelt er wieder in die andere Richtung, immer unsere Straße hin und her. Er hat lange Haare, die er zu einem Zopf verbunden hat. Diese langen Haaren tragen hier meist nur Indigene, vielleicht ist er ja Indigener? Indigene werden hier oft rassistisch benachteiligt.

Während ich unfähig bin etwas zu tun oder dem Indigenen zu helfen, kommt auf einmal ein weiterer Mann die Straße entlang. Er spricht mich in verlumpten Klamotten an: “How are you? Where are you from?” Sein englisch ist relativ gut und meine Intuition sagt mir, dass er mir nichts Böses will. Doch nach den Ereignissen bin ich verwirrt und verängstigt. Kurzbeinig antworte ich auf seine Fragen, hoffend, dass er bald seine Aufmerksamkeit von mir nehmen würde. Er fragt mich nach Geld für Essen, doch ich bin unfähig, es ihm zu geben. Ich sage ihm, dass ich sehr müde sei und setze mich hin. Dann fragt er, wo ich denn hinwolle, worauf ich ihm meinen Zielort nenne und dass ich auf den Bus warten würde.

“No more buses today.” antwortet er – ein weiterer Schock! Und auch hier war meine Intuition also richtig gewesen. Die umstehenden Leute erzählen mir, dass der letzte Bus schon um 11 Uhr gefahren sei. Was also tun? Der verlumpte Mann fragt daraufhin die umherstehenden Leute, ob jemand in meinen Ort fahren Würde. Einer meldet sich und bittet sich an, mich mitzunehmen. Erst will ich dem ganzen nicht trauen, einfach bei jemandem einzusteigen. Ich rufe einen bekannten Taxifahrer an, der jedoch erst in 20 Minuten da sein könnte. So lange will ich hier an diesem komischen Ort nicht mehr warten. Ich frage also die anderen Personen, wie den Besitzer des Bistros, ob es sicher sei, bei der Person mitzufahren. Sie alle antworten mit einem bestimmten “Ja, kein Problem”. Mir bleibt gefühlt kein anderer Ausweg, also nähere ich mich dem Auto zusammen mit dem Fahrer. Drinnen sitzt schon eine Frau mit Kind. Dann kann ich ihm wohl vertrauen, denke ich. Dann fahren wir los in Richtung meines Hauses. In was für eine Situation habe ich mich hier nur begeben? Wie es aussieht, sind die beiden ein Pärchen. Der Fahrer kommt mir während der Fahrt sehr machomäßig rüber. Auch, weil er etwas zu lässig durch die Straßen fährt. Dazu dröhnt laute Reggaeton-Musik aus den Boxen. Das Pärchen interessiert sich nicht für mich und unterhält sich untereinander, weswegen ich einfach hoffe, zu Hause anzukommen. Zum Glücke kommen wir auch bald in meiner Straße an, was mich sehr erleichtert. Ich bezahle den Fahrer und trete in mein Haus ein. Erst jetzt fühle ich mich wieder normal und sicher. Gleichzeitig fällt es mir schwer, dass eben Erlebte in Worte zu fassen. Langsam komme ich wieder in meinem Zimmer zur Ruhe und lege mich bald schlafen. Was war das für eine Nacht!

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