Regen ist Leben

von 16 tabea  

„Das Prinzip aller Dinge ist das Wasser, denn Wasser ist alles und ins Wasser kehrt alles zurück.“
(Thales von Milet, 624 – 546)

Ich sitze auf dem Sofa, es ist halb fünf nachmittags und mein Arbeitstag ist gerade zu ende gegangen.

Mit einem Glas gekühltem Limonenwasser und dem kleinen Kater auf dem Schoß, döse ich so vor mich hin bis dieser plötzlich aufschreckt. Was ist das für ein Geräusch, erst vereinzelt und kaum wahrnehmbar, dann immer lauter und mehr. Es dauert einige Sekunden bis ich es realisiere, ein Geräusch das ich seit zwei Monaten nicht mehr vernommen habe: Regen.

Ich kann es kaum fassen, springe auf, der Kater versteckt sich erschrocken im Schrank und da kommt auch schon Alex aus seinem Zimmer gelaufen mit dem selben Blick den ich auf meinem Gesicht zu spüren scheine. Völlig fassungslos umarmen wir uns und dann renne ich hinaus, halte mein Gesicht gen Himmel, der zugezogen ist mit grauen Wolken, die Tropfen fallen auf meine Haut, hinterlassen einen leichten Film, den meine Haut begierig aufzusaugen scheint. Es ist das schönste Gefühl seit langem, in der Luft liegt schon dieser herrliche Geruch von feuchter Erde und langsam tanze ich im Kreis, breite die Arme aus und nehme alles an Wasser auf das ich kann.

Es ist als würde die Welt stillstehen, die Bäume, die Pflänzchen, die Vögel und kleinen Tierchen, sie alle halten den Atem an.

Als ich am nächsten Morgen aufwache ist alles anders. Der Geruch von Rauch ist dem schwülen Duft von jungen Pflanzen gewichen. Die Natur um mich herum scheint aufzuatmen, die Kaffeepflanzen haben ihre Blätter ausgestreckt, es sind Knospen zu sehen, die Erde, gestern noch unmöglich das ganze Wasser aufzunehmen, ist nicht mehr mit den von der Trockenheit genarbten Rissen durchzogen, sondern feucht. Im Flur, kann ich schon die ersten Mücken begrüßen, draußen sind andere Geräusche zu hören als sonst, viel mehr Insekten schwirren durch die ersten Sonnenstrahlen, Zikaden zirpen wie wild. Von weiter weg höre ich die Freudenschreie einer Horde Mantelbrüllaffen die sich auf den Weg zu unseren Mangobäumen schwingen.
Ich denke an die vielen Buschfeuer die ich in den letzten Wochen gesehen habe, an die schwarzgebrannten Hügelketten, die roten Flammen, die sich wie Lava durch die Nacht gezogen haben. Ich denke an das Vieh das auf den Weiden verdurstet und nun vor vollen Trogen steht.

Es ist nicht nur das abhanden gekommene Lebensgefühl das ich wieder erleben konnte, oder das Gefühl mit der Natur verbunden zu sein, es ist auch das Wissen darüber, das wir die Pflanzen jetzt zwei Tage lang nicht mit unserem Wasser gießen müssen, denn auch wir haben in Knappheit gelebt.

Wie viel es doch Wert ist. Glücklich, fühle ich mich an die Worte einer Frau erinnert, die vor zwei tagen in FEDEAGUA war. Wir hatten gemeinsam zu abend  gegessen als uns eine Ameisenkönigin auf einer Pflanze neben diesem aufgefallen war. Petrona hatte gesagt „Ein Indigener hat mir mal gesagt, dass sie den Regen ankündigen.“ Wir hatten uns ungläubig angesehen und über etwas anderes gesprochen. Und da finde ich auch schon die Nachricht auf meinem Handy von ihr.

„ Hallo, ich habe gesehen dass es geregnet hat und konnte kaum glauben was ich sehe, die Zeichen unserer Mutter Erde, die Ameisen die den Regen ankündigen, waren wahr…“

Keine Trockenzeit ist wie die in Guanacaste, von Dezember bis Mai lebt die Provinz in Durst. Das öffentliche Wasser wird bis auf die unregelmäßige Zeit von einer halben bis eineinhalb Stunden abgedreht. Viele Menschen müssen mit diesem Wasser auskommen, Wassertanks und behälter werden gefüllt um die Familie und falls möglich die Tiere zu versorgen. Auch die Affen ziehen durch die vertrockneten Wälder auf der Suche nach Wasser, doch die meisten Flüsse trocknen bis auf ein paar Pfützen aus, Wasserfälle sind ebenfalls trocken und in allen Regionen kommt es zu Waldbränden.

Nie zuvor war mir so bewusst, dass auch Wasser keine unendliche Ressource ist, wie auch, wenn man Zuhause immer den Hahn aufdrehen kann und es kommt frisches Trinkwasser. Und wenn es mal nicht kommt, dann ist irgendetwas kaputt und dann kommt jemand und repariert es wieder. Dass das nicht normal ist, sondern Luxus, ja, ich sehe Wasser mittlerweile als Luxusgut, erlebe ich hier.

Wenn mal kein öffentliches Wasser aus dem Hahn kommt, dann gibt es eben keins. Dann muss man sehen wie man zu recht kommt. Zum Glück hat FEDEAGUA vor einigen Jahren zusammengelegt und einen Brunnen gebaut, sodass wir im Notfall Wasser pumpen können, das ist allerdings ein komplizierter Prozess und letzte Woche ist der Brunnen kaputtgegangen, was bedeutete, dass wir einen Tag nicht duschen konnten, eine sehr unangenehme Sache, nach 9 Stunden draußen arbeiten bei  30 Grad im Schatten. Mittlerweile ist alles repariert und wir haben wieder diese gewisse „Sicherheit“, aber die haben wie gesagt nicht alle.

Schon alleine der Gedanke daran, dass es nicht immer Wasser gibt, dass Menschen und Tiere verdursten, wegen so einer, ich nenne es mal „Banalität“, über die wir in Deutschland nicht mal nachdenken müssen, setzt mich einem Gefühl der totalen Hilflosigkeit aus.

Und nur weil wir in Deutschland Wasser haben, wir die letzten sein werden die verdursten, weil immer volle Hähne auf uns warten, schmälert das nicht den Ernst der Lage.  Denn irgendwo anders fehlt das, was wir zu viel haben.

Wasser ist nichts, das wir von irgendwo anders herholen können, wenn es mal keines mehr gibt auf der Erde, es ist wie mit allen anderen Ressourcen auch, nur dass es uns dabei nie so auffällt. Was gibt es für Diskussionen über das Erdöl, jetzt arbeiten wir an einer Lösung durch beispielsweise Elektrizität, mir persönlich bereitet das Wasser mehr Sorge. So wertvoll, und dennoch schenken wir ihm kaum Bedeutung, dabei ist es die einzige Substanz die uns am Leben hält.

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