Über Flüsse und Kanäle

von 16 antonia  


Hafen von Puerto Principe

„No al canal!“ Ein simples Grafitto, schwarz auf grauer Hauswand, schon kurz nach meiner Ankunft in Nicaragua ist mir dieser Schriftzug an mehreren Orten in Nueva Guinea aufgefallen. Nach gut sieben Monaten hab ich diesen Satz immer wieder auch an anderen Orten hier gefunden, in anderen Farben, aber der Wortlaut bleibt gleich, die Aussage klar: “Nein zum Kanal!“. El Canal, der Nicaraguakanal, Pendant zum Panamakanal und Prestigeprojekt von Nicaraguas Präsident Daniel Ortega.

Quer durch das Land soll er gezogen werden, vielen Menschen, die das Pech haben, auf der Route zu wohnen, droht die Zwangsenteignung (alles im Sinne des Aufschwungs versteht sich). Eine der möglichen Routen liegt in der Region um den Fluss Punta Gorda und genau dahin führt mich meine erste Arbeitsreise. Ich begleite den „Gato“ Enoc auf einen Hilfs- und Kontrollbesuch zu anderen ökologischen Fincas der Assoziation „Sano y Salvo“. G.A.T.O heißt die Arbeitsgruppe für organische Techniken, die aus den erfahrensten Mitgliedern der Organisation besteht. Ich bin sehr gespannt, denn bis dahin konnte ich über die Arbeit der mysteriösen Gatos nur mutmaßen.

Es ist Montag kurz vor zehn Uhr morgens, eine SMS ploppt auf mein Display: „Ich bin schon im Camion und halte dir einen Platz frei, aber das ist Nicaragua, sie könnten ihn mir klauen, wenn du dich nicht beeilst.“

Ich schlängele mich so schnell ich kann durch die labyrinthischen Passagen des Mercados und komme auf der anderen Seite am Busbahnhof von Nueva Guinea raus. „Ya!“ antworte ich, steige ein und sehe Enoc, der den Platz noch für mich freihalten konnte.

Die Fahrt nach Puerto Principe beginnt, erst über neue glatt gepflasterte Straßen aber dann biegen wir auf eine Straße aus Erde und Steinen ein. Die Fahrt wird abenteuerlicher und als es bergab geht, beginnt der Camion gefährlich hin und her zu schwanken, wie ein Schiff im starken Wellengang. Man merkt wie der Motor kämpft um die Last bergauf zu transportieren und einmal rollen wir auch rückwärts. Mir wird etwas flau im Magen, denn die Strecke führt mehrere Hügel hinauf und hinunter. Aber was wäre eine Reise in Nicaragua schon ohne ein bisschen Abenteuer?


Die 50000 Kaffeebohnen ausgesäht

Kakaokunst

Guter Kakao

Kaffee wird gewendet

Enoc hilft beim Baumschnitt

In Puerto Principe dümpeln Pangas im Wasser vor sich hin. Mit einem großen Satz und etwas Hilfe klettere ich an Bord. Das Boot füllt sich mit Menschen und Sachen, die transportiert werden müssen, denn die Boote ersetzen so ziemlich die Busse und Camions, wo die Landwege schwierig oder garnicht befahrbar sind. Ganze Matratzen und sogar Betten werden auf die Boote geladen, bis die brechend voll sind. Die ca. sechsstündige Fahrt beginnt. Schlafen und andere Unaufmerksamkeiten können gefährlich werden, weil immer das Boot oft unter oder knapp vorbei an Ästen manövriert wird und man, wenn man sein Ziel ohne Kratzer und bei Bewusstsein erreichen will, die Augen lieber offen hält.

Wir übernachten in dem kleinen Dorf El Polo de Desarollo und machen uns am nächsten Morgen auf den Weg zur ersten Finca. Es geht bergauf, wir sind schon hoch genug, um die Hügel auf der anderen Flussseite zu sehen. „Da haben sie einiges abgeholzt“, sagt Enoc, „ die waren noch bewaldet, als ich letztes Mal hier war. Wie viel sich in drei Monaten verändern kann...“. „ Und der“, er zeigt auf einen Baum der einzeln der Kuhweide steht, die wir überqueren, „ steht nur noch, weil er kein guter Holzbaum ist“. Einsam steht er da, ein hoher Baum mit breitem Stamm und Brandspuren an einer Seite, ein trauriger Veteran.

Wir kommen auf der Finca von Eulalio an. Seine Frau und Kinder begrüßen uns, er selbst ist gerade dabei Bohnen zu ernten. Wir warten und helfen dabei Bohnen zu entschalen. Als Eulalio kommt, führt er uns durch seine Agroforstparzellen, in einer hat er Kaffee gesäht, „50 000 Bohnen“, verkündet er. „Hast du die etwa alle gezählt?“, fragt Enoc. „Jaa“, antwortet Eulalio lachend. Sie sprechen über Pläne für den Anbau von mehr Pflanzen, darüber ob organischer Dünger hergestellt, Bäume beschnitten und eine Baumschule angelegt wurde. Nach der Führung werden noch die Kontrollzettel von Sano y Salvo ausgefüllt. Bei der Frage, wie mit Plagen (z.B. Eichhörnchen) umgegangen wird, kommt als Antwort: „Gesetz 22“. Ich verstehe nicht, hake nach und ernte Lacher. Die Erklärung: Das Gewehr mit dem man sich um dieser Plagen „annimmt“ gehört zum Typ 22.

Am nächsten Tag kehren wir nach El Polo zurück, wir machen uns auf den Weg zu drei weiteren Socios (=Mitgliedern). Auf gut Glück, denn in Polo gibt es kein Handysignal, sodass man nicht schnell mal anrufen und fragen kann, ob jemand da ist. Nur auf der Finca von Don Alfonso treffen wir jemanden. Er selbst ist vor ein paar Monaten verstorben, aber seine Frau und Kinder leben noch dort. Enoc gibt ihr einen Brief von Sano y salvo, man unterhält sich ein bisschen über dies und das.

Es bleibt unsicher, ob sie weiter Mitglied der Assoziation bleiben kann und möchte. Nach dem Tod ihres Mannes muss sie einiges mehr an Arbeit bewältigen. Man sieht, dass in der Finca sehr viel Arbeit und Begeisterung stecken. Es gibt einen Agroforst mit vielen verschiedenen Pflanzen, Dekoration aus verschiedenen recycelten Flaschenteilen, gemalte Bilder vom Fluss, verzierte Kakaoschalen und eine kleine archäologische Sammlung.

Weil wir ein Boot erwischen müssen, das uns weiterbringt, können wir nicht so lange bleiben und machen uns auf den Weg, der bezeichnenderweise über Kuhweiden führt sobald wir die Finca verlassen. In Richtung Masayón schippert uns das nächste Boot - zur Finca von Don Vicente. Sein Kakao produziert sehr gut und hängt voller Schoten. Bei Plagen wendet er nicht Gesetz 22 an, er vertreibt sie mit der Steinschleuder. Er fragt Enoc, wie er das Unkraut besser bekämpfen kann. Der empfiehlt ihm eine Mixtur aus Chilli, Zwiebel und Knoblauch. Der Kaffee trocknet auf Planen in der Sonne und wird mit einem alten Paddel gewendet.

Auf die Reise zu den letzten beiden Mitgliedern machen wir uns schon am Morgen danach, sie leben in Buenavista - der Buenavista Socios Club sozusagen. Sie sind beide nicht da als wir ankommen, wir warten also. Erst als es dämmert kommen sie zurück auf Pferden und Maultieren, bepackt mit Einkäufen. Da man mit Taschenlampe definitiv keinen Agroforst prüfen kann, wird die Besichtigung auf den nächsten Morgen verschoben. Dieser Tag ist auch Abreisetag. Morgens suchen wir unseren Weg zwischen Mais, Bohnen und Malanga hindurch zum Agroforst. Enoc erklärt nochmal etwas zum Baumschnitt. Danach geht es zurück nach Nueva Guinea im schwankenden Camion.

„Lo que el hombre o mujer hagan con trabajo es digno que el otro estime“ (Das, was ein Mann oder eine Frau mit Mühe tun ist Würde, die ein anderer schätzt) - ein Zitat von Don Alfonso an der Wand seines Museums. Es ist eine gute Beschreibung für meine Erfahrung in Punta Gorda. Man sieht die Mühe, die in vielen der Fincas steckt, sieht die harte Arbeit der Menschen und kann garnicht anders, als sie zu bewundern.

Gleichzeitig weiß man um die unterschwellige Bedrohung. Auch wenn es ruhiger geworden ist um den Kanalbau, das Gesetz, was dem chinesischen Geschäftsmann Wang Jing große Freiheiten in der Kanalzone gibt, existiert noch immer. Auch wenn es keinen Kanal geben sollte, könnten die Bauer und Bäuerinnen, die wir besucht haben, ihr Land verlieren, ohne Entschädigung. Die nicaraguanische Regierung selbst hat es mit dem Kanalgesetz quasi verkauft. Es ist anders dort zu sein und die Menschen zu sehen, als nur darüber zu lesen oder zu hören. Die Ungerechtigkeit des Ganzen wird einem deutlicher bewusst. Die Fincas sind nicht nur ein Stück Land instrumentiert um Gewinn zu machen, sie sind Zuhause, geben Arbeit, ernähren die Familien.

Auf den Arbeitsreisen, die ich bisher unternehmen konnte, habe ich gesehen, wie wichtig die Arbeit ist, die die Gatos leisten um den Mitgliedern zu helfen ihre Fincas produktiver zu machen. Sie sind nicht nur Kontroll-, sondern vielmehr Kontaktperson und können den Socios das Gefühl geben, dass sich um sie gekümmert wird bzw. ihre Probleme ernst genommen werden.

Allerdings kann nicht immer garantiert werden, dass die Reisen stattfinden, da die Finanzierung oft unsicher ist. Um die nächsten Reisen zu finanzieren, gibt es deshalb einen Spendenaufruf auf betterplace.org. Also nach der Lektüre des Blogs einfach mal dort vorbeischauen und großzügig spenden:
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