Achtung, Baum fällt!

von 18 emily  

Ein großer Teil Maurices und meiner Arbeit in unserem Projekt ist das Erbauen eines Gartens, der fähig ist, Selbstversorger ausreichend zu nähren. Die Grundlage für diesen Garten wurde von unseren Vorfreiwilligen schon gebaut. Es gibt drei parallellaufende ca. 8 Meter lange Beete, die wie bei der biointensiven Landwirtschaft zum einen sehr tief ausgehoben und dann auch noch weiter in die Tiefe aufgelockert wurden. Fälschlicher Weise wachsen in jenem Beet jetzt mehrere junge Papaya Bäume und ein anderer Baum, der seine Krone ungefähr 15 Meter über dem Beet im Wind schwingt.

Heute Vormittag entschied der Mitarbeiter in FEDEAGUA dann, dass genau dieser große Baum gefällt werden solle, damit die Wurzeln nicht in den Beeten wachsen und die Krone keinen Schatten auf die Nutzpflanzen wirft. Ich saß gerade an meinem Laptop in der Gemeinschaftsküche, um Büroarbeiten zu erledigen. Währenddessen hörte sich Maurice vorerst die Pläne über die Baumfällung an, weil er aufgrund des Stromausfalls, der gerade anherrschte, nicht an seinem Laptop arbeiten konnte. Als der Stromausfall dann endlich wieder vorbei war, ging Maurice auf sein Zimmer. Und ich bot ihm an draußen zu helfen, sodass er mit der Büroarbeit fertig werden konnte.

Zurück in meiner Arbeitskleidung stand ich dem Kollegen zur Seite und fragte, was ich helfen könne. Anstatt einer Antwort fragte er mich, wo Maurice sei. Ich erklärte ihm, was er mache, woraufhin er unzufrieden den Kopf schüttelte. Jetzt fing er aber erstmal an, eine selbst zusammengehämmerte Leiter an den Baum zu lehnen, die beim Erklimmen verdächtig wackelte. Vom Boden aus sollte ich ihm dann alte Holzstücke reichen, in denen je zwei Nägel steckten. Ohne sich selbst festzuhalten stand er dann auf der wackligen Leiter und hämmerte das Feuerholz in den Baum. Und so erklomm er den Baum immer weiter, bis er in schwindelerregender Höhe auf dem letzten Stück Holz saß.

Der Baum schwang im Wind und mit jeder Bewegung des Kletterers bog sich der gar nicht mal so stabile Stamm hin und her. Die Nägel waren nur zur Hälfte in den Baum geschlagen und bei jeder Belastung wackelten die Holzstücke leicht. Und wieder kam die Frage, diesmal aus der Baumkrone: „Mauricio?“ Woraufhin ich ihm nochmals erklärte, dass Maurice drinnen arbeitete. Diesmal sagte er mir dann, dass jetzt Zeit für die Baumfällung sei und Maurice dabei helfen solle. Weil ich zu diesem Zeitpunkt selbst nicht einmal eine Aufgabe hatte, fragte ich ihn, was ich denn helfen könne. Seine Antwort war, dass ich Maurice holen solle.

Ich bin also etwas verständnislos losgelaufen, um meinen Mitfreiwilligen zu holen und danach wieder zurück zu unserer eigentlichen Aufgabe. Dort angekommen bekam ich auf die Frage, was ich helfen könne noch immer keine genaue Antwort und so schaute ich vom Boden aus zu, wie der Baum nach und nach mit kräftigen Machetenschlägen seine Äste verlor. Als Maurice dann auch am Ort des Geschehens angekommen war, gab es sofort etwas zu tun für ihn. Er sollte die angehackten Äste vom Boden aus mit einem Seil in die richtige Richtung ziehen. Und jetzt wurde es mir noch einmal versichert: Ich durfte bei der Fällung des Baumes nicht mithelfen, weil ich nicht stark genug wirke. Ich sei eine Frau und deshalb nicht für solche Aufgaben gemacht. Der Mitarbeiter wollte es nicht so direkt sagen, aber sein Handeln hat es mir ausdrücklich zu verstehen gegeben.

,Ich habe also vermehrt versucht mich einzubringen, was in dieser Situation leider nicht wirklich möglich war. Es gab nur Arbeit für einen Freiwilligen und das war Maurice, der eigentlich vorhatte Büroarbeiten zu machen. Als dann auch der Stamm des Baumes abgehackt war, sollten wir das Baummaterial an einen anderen Ort ziehen, damit es nicht im Weg liegt. Hier konnte ich dann sämtliche Energie nutzen, die sich vor Verzweiflung in mir angestaut hatte. Als dann nur noch wenige Äste übrig waren, wurde Maurice angewiesen, einen dieser Äste zu nehmen. Der Mitarbeiter selbst nahm sich zwei Äste und lief los, um sie auf den großen Haufen zu bringen. Auf halbem Weg drehte er sich um, als hätte er etwas vergessen und wies mir mit dem Ausdruck: „Machete“ an, die Machete hinter den anderen Beiden hinterher zu tragen.

Ich fühlte mich zu diesem Zeitpunkt dann überhaupt nicht ernst genommen und fragte mich, ob ich dieses Jahr jemals als gleichgestellte Arbeitskraft belastet werden würde, oder ob ich Anderen weiterhin Werkzeug hinterher tragen würde.

Es hat ein wenig Zeit gekostet, dass ich über meine innere Aufgewühltheit über diese Geschehnisse hinweggekommen bin. Dann ist mir aber immer klarer geworden, wie weit die deutsche Gesellschaft schon ist, in der gleichgestellten Anschauung von Mann und Frau. In Deutschland habe ich oft mit meinen Freunden über die Probleme der Gleichstellung geredet und darüber, dass es meiner Meinung nach noch sehr viel zu verändern gibt. Hier ist mir dann aber erstmals klar geworden, dass ich vorher noch nie mit so starker Unterschätzung aufgrund meines Geschlechts konfrontiert wurde. Und trotzdem ist es auch in Deutschland weiterhin ein Thema, das meiner Meinung nach nicht heruntergeredet werden sollte und immer wieder Gesprächsthema sein sollte, weil es auch hier noch eine Menge zu verändern gilt. Denn bei diesen Themen geht es immer um die Anschauung und den Blick der einzelnen Menschen auf bestimmte Aspekte des Zusammenlebens. Nur, weil ich diese Erfahrung gemacht habe heißt das nicht, dass es nicht auch Costaricaner gibt, die großen Wert auf die Gleichstellung zwischen Mann und Frau legen. Ein Beispiel dafür wäre der Chef FEDEAGUAs. Dieser legt großen Wert darauf in Ansprachen und Reden die männliche und weibliche Form zu nennen und hat schon in unserem Begrüßungsgespräch mir gegenüber geäußert, dass er Wert auf Gleichheit und mein Wohlbefinden legen würde.

Nachdem ich ruhiger auf die Situation blicken konnte ist mir auch noch klarer geworden, dass diese Arbeitseinteilung ganz und gar nicht böse mir gegenüber gemeint ist. Ganz im Gegenteil: Ich sollte geschont werden und keine Arbeiten verrichten, die mir schaden. Ich denke genau aus diesem Grund werde ich versuchen noch öfter zu zeigen, dass auch ich – eine Frau – hart arbeiten kann und will. Denn wahrscheinlich ist der einzige Weg zu einer verbesserten Allgemeinsituation daran zu arbeiten und zu zeigen, dass es auch anders geht.

BlogNo:02
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1 Kommentar

Kommentar von: Radka [Besucher]

Liebe Emily,
dein Blogeintrag hat mich an meine Zeit in Costa Rica zurück erinnert. Es ist immer eine schwierige Situation wenn man sich dem Machismo so extrem gegenüber sieht. Ich denke es ist wichtig, dass du auch merkst, dass sie dich nicht nur schonen, sondern dass sie auch ein klares Rollenbild für dich entwerfen und denken, dich in dieses drücken zu können. Hier liegt es an euch beiden klar zu zeigen, dass es auch andere Rollenverteilungen gibt. Was mir immer geholfen hat ist meinen Mitfreiwilligen einzubinden, so dass er sich bewusst zurück gehalten hat oder gezeigt hat, dass er mir locker die Arbeiten zutraut. Auch nebenbei zu erwähnene, dass auch der Typ kocht oder wäscht kann ein guter Anstoß sein.

Die Männer behandeln eine Frau mit dem Respekt, den sie für nötig befinden, dass ist aber eine oft herabwürdigende Art von Respekt und man hört allzu oft Dinge wie `Du wirst mal eine tolle Ehefrau, eine tolle Mutter`, denn dass ist die primäre Rolle der Frau. Nicht eine gute trabajadora zu sein.

Ich wünsche dir, dass du weiterhin so ruhig damit umgehen kannst und es dich nicht frustriert.

Herbstliche Grüße!


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