“Reduzcamos – Reutilicemos – Reciclemos“

von marcus_11  

„Reduzieren – Wiederverwenden – Recyclen“. Dieser Slogan fiel mir sofort auf bei meiner Ankunft in San José und jedes Mal wieder, wenn ich unterwegs war in Richtung Stadtzentrum, denn die Bushaltestelle dieser Linie war direkt an dieser orange-leuchtenden Werbetafel, die mir auch eine nützliche Orientierung in dem sonst sehr einheitlich gehaltenen Straßenlabyrinth von San José bot. Doch was bedeutet dieser Slogan in der Realität? Wie sieht es denn tatsächlich aus mit dem Mülltrennung, -reduzierung, und Wiederverwertung?

Mülltrennung im öffentlichen Bereich funktioniert ähnlich wie bei uns: fast überhaupt nicht. Nur ist es hier noch schlimmer. Obwohl es verschiedene Behälter für Papier, Plastik und Restmüll gibt – immerhin ein guter Anfang – wird oft alles zusammen geschmissen. Daheim in privaten Haushalten scheint dagegen relativ wenig Müll anzufallen, weil das Essen oft frisch gekauft und zubereitet, und der Biomüll dann tatsächlich vom Restmüll getrennt wird. Das war mein erster Eindruck zum Thema Müll, als ich in San José angekommen war.

In meiner Einsatzstelle in Guanacaste entdeckte ich dann im Stadtpark von Nicoya eine besonders ausgefeilte Mülltrennung, indem sogar zwischen einzelnen Kunststoffen unterscheiden wurde. Inwiefern das funktioniert und zu welchem Zweck die Kunststofftrennung durchgeführt werden soll, bleibt mir bisher jedoch unklar. Später sah ich auch im Zentrum der Stadt Santa Cruz, dass der Abfall nach verschiedenen Stoffen getrennt wird: Glas, Plastik, Aluminium. Die Realität vor Ort sieht jedoch anders aus: in den einzelnen Haushalten wird der Müll meist zusammen geschmissen und irgendwo im Grundstück verbrannt, ohne über mögliche Folgen für Mensch und Natur nachzudenken.

So was wie eine Müllabfuhr scheint in vielen Gegenden Costa Ricas nicht vorhanden zu sein bzw. wird dezentral im jeweils einzelnen Kanton geregelt. Allein im Nachbarkanton von Abangares hab ich erfahren, dass es ein funktionierendes Müllabfuhrsystem gibt. Hier im Kanton Nicoya dagegen müssen die Leute ihren Müll selbst entsorgen – entweder in die Stadt fahren, was u.a. daran scheitert, dass viele kein Auto haben, oder eben auf „herkömmliche“ Weise durch die private Müllverbrennung. Die beste Alternative wäre natürlich, weniger Müll zu verursachen, z.B. beim Einkauf, Verpackung und Transport der Lebensmittel. Dabei sollten ökologisch bewusste Menschen natürlich mit gutem Vorbild vorangehen. Taten wirken meist mehr als Worte.

Wilmar erzählte mir von einem Gesetzesentwurf seiner Partei Frente Amplio, welcher zum Ziel hat, Plastiktüten komplett aus den Supermärkten zu verbannen. Dies scheint mir nun etwas radikal, doch die Idee ist gut und wer weiß vielleicht funktioniert es ja nur auf so drastische Art und Weise. Denn wenn es keine Tüten zu kaufen gibt, müssen die Leute zwangsläufig wieder ihre eigenen Einkaufskörbe mitbringen – so wie ich es noch aus meiner Kindheit kenne; da war es noch allgemein üblich, mit einem Flechtkorb oder Stofftaschen zum Einkaufen zu gehen – normalerweise zu Fuß oder per Fahrrad zum Laden um die Ecke. Mittlerweile wurden die meisten kleineren Läden von großen Supermarktketten verdrängt. In Lateinamerika gibt es noch so kleine „Tante-Emma-Läden“, hier in Costa Rica „Pulperia“ genannt, doch gibt es auch die starke Tendenz, dass die Leute immer öfter die vermehrt aufkommenden Einheitssupermärkte aufsuchen – teilweise weil es billiger und scheinbar bequemer ist, vor allem aber weil die Angebote des globalen Kapitalismus locken: Coca Cola und wie sie alle heißen.

Doch zurück zum Thema: Müll und Recycling. Es gibt schon einige gute Ansätze und Ideen, doch oftmals ist es leider mehr Schein als Sein. Das bemerke ich schon bei meinem Gastvater Wilmar – immerhin Direktor von FEDEAGUA, einer Organisation, die sich auch Umweltschutzaspekten widmet – und in seinem Dorf Pozo de Agua als „Oecologico“ bekannt, macht er diesem Rufnamen nicht immer alle Ehre. So widerspricht er seiner eigenen Idee, keine Plastiktüten beim Einkauf zu verwenden, indem er jedes Mal mit zwei Händen voll vom Einkaufen zurück kommt.

Die Rechtfertigung folgt auf dem Fuß (denn leider muss ich sagen, dass er nicht besonders kritikfähig ist): man benutze die Tüten ja noch weiter und folge damit dem Grundsatz des Recycling. Die Tatsache, dass es besser wäre, gar keine Plastiktüten zu verwenden, wird da einfach ausgeblendet.

Benutzt werden die Tüten unter anderem für Pflanzensetzlinge oder um Früchte zu „schützen“, dass diese nicht von Vögeln weggefressen werden (z.B. bei Bananenstauden). Die großen Tüten vom Futter für die Tiere werden auch weiterverwendet, z.B. indem man sie mit Erde füllt und diese dann genauso wie Sandsäcke als Flutbarriere dienen, wenn die Regenzeit kommt. Auch sonst wird bei uns alles gesammelt, um irgendwann einen Verwendungszweck zu finden: kleine Behältnisse, zur Essenaufbewahrung; Flaschen für Pflanzsamen von Maiz, Reis, Bohnen, etc.; Shampooflaschen werden aufgeschnitten, um darin Nägel, Schrauben, etc. zu sammeln. Dies scheint mir und einigen Lesern vielleicht noch selbstverständlich. Der Clou ist jedoch eine „Erfindung“ von Don Wilmar, der einfache Plastikeimer zusammengesteckt hat, um sie als Abflussrohr für seinen Fischteich zu verwenden. Auf ähnliche Art wird vieles improvisiert. Viele Ideen, wenig Geld – Not macht erfinderisch.

Auch die Natur ist eine wichtige Rohstoffquelle und ersetzt hier den Baumarkt. So verwenden wir alte Baumstämme als Brückenpfeiler, als Stützpfosten für Umzäunungen und kleinere Konstruktionen, z.B. das Gewächshaus, und als Sitzgelegenheiten für Feste und Versammlungen. Größere Baumscheiben, die andere Leute achtlos liegen lassen, können einen schönen Tisch hergeben. Außerdem gibt es in Costa Rica einen Baum namens Jicaro, an dem Kugeln verschiedener Form und Größe hängen, die man für vielerlei verwenden kann: von Haushaltsgefäßen bis zu Kunsthandwerk – der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.

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